Eine Stimulation der Schwedenkrimimordgemetzel-Synapsen | #kursnord

Ist das Blut in den beiden Abläufen der Dusche? Wie zwei Augen ins Nichts liegen die Mulden in den beiden äußeren Drittelspunkten der Männerdusche auf dem Campingplatz Uskavigården. Ich bin nicht willens, es genauer zu untersuchen und suche mir auf den Fließen einen erhöhten Punkt, möglichst nicht mit dem roten Zeug in Berührung kommen. Vorhänge trennen die Zellen. Das Strahlwasser ist nicht in der Lage, das Rot auszuwaschen. Vielleicht gehört es zum Inventar? Der Campingplatz ist so gut wie leer. Im vorderen Bereich sind vielleicht drei vier Wohnwagen belebt. Hier hinten auf der Zeltwiese direkt am See sind wir alleine.Vier Inselchen liegen im Wasser und direkt am Ufer noch ein Stein, hinter dem sich die winzigen Wellen für ein paar Quadratmeter zu einem oszillierenden Etwas formen. Wie bei den alten Plattenspielern, an denen man mittels Strichmarken am Plattenteller und Geschwindigkeitsregler die exakte Drehzahl einstellen konnte, um ein möglichst perfektes Klangergebnis zu erzielen.

Vier Birken. Eine abgebrochen, eine mit einer grausamen senkrechten Narbe wie von einem Blitzschlag. Ich muss an Falun denken 2015. Das Ferienhaus, in das wir uns eingemietet hatten mit feinem Stahlkamin. Das Gewitter über der hügeligen Seelandschaft. Dass es unwahrscheinlich ist, dass man vom Blitz getroffen wird. Dass es plötzlich ‚zack‘ machte und die Funken vom Stahlrohr in den Raum sprühten und nocheinmal zack und wir saßen – unversehrt, zum Glück, draußen auf der Treppe vorm Häuschen unter dem Vordach, als ob das etwas schützen würde. Die Gewissheit, dass der Blitz nicht noch einmal an der selben Stelle einschlagen würde …

Über die 84, die 50, die E16 und wieder die 50 haben wir uns gestern hier herunter geschafft. Vielleicht 350 Kilometer südwestwärts. Unendlich langsam. Unendlich behäbig tuckerte das Auto mit 60 bis 90 km/h über die breiten Straßen. Keine Eile, keine Drängler, ein zivilisierter Ministau außerhalb Faluns. Badeseen en masse. Das ist eine der schwedischen Besonderheiten: überall am Straßenrand zeigen Symbole ‚Badplatse‘ an, fein gemachte, gepflegte Badestellen mit Picknick-Bank, Umkleidekabine, Feuerstelle, Steg. In der Hochsaison hängt am Ende der Stege oft ein Thermometer, das die aktuelle Wassertemperatur anzeigt. Jetzt noch nicht. Die Badestelle, die wir für die Mittagspause ansteuern, ist gleichzeitig auch ein Naturcampingplatz der Gemeinde. An der Umkleidekabine hängt eine Symboltafel: Zelten kostet 50 Kronen, Wohnmobil oder Wohnwagen 100. Daneben eine hölzerne Kasse, in die man auf Treu und Glauben das Geld wirft. Es gibt einen Wasserhahn und eine Trockentoilette und viel Wiese und eben den Badeplatz. Stille inklusive.

Uskavigården war schon 2015 für etwa fünf Tage unser kleines Paradies. Wandernd und mit Leihrad vom Camping erkundeten wir die Gegend um Guldmedshyttan, unweit von Nora, ganz in der Nähe von Lindesberg, grob gesagt etwa 200 Kilometer westlich von Stockholm, nördlich von Berlin.

Ich scherze gerne mit den Kilometern und Ortslagen. Obschon es sicher dem Ortsunkundigen hilft, wenn man sich im Zwiebelschichtprinzip vom kleinsten Weiler hochhangelt zu immer größeren Städten und geografischen Lagen. Ein paarhundert Kilometer sind in Schweden ohnehin so gut wie nichts. Ganz im Norden, in Lappland, kann es einem passieren, dass man ein zwei Stunden fahren muss mit dem Auto, ehe die nächste Siedlung ‚mit Alles‘ auftaucht. Tankstelle inklusive. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass in dieser vorsaisonalen Jahreszeit an den vom Winter geschundenen Straßen noch gebaut wird, man zehn, zwanzig, dreißig Kilometer über derben Schotter fahren muss und, mit dem deutschen Flachstraßen-Gen gesegnet, sich kaum traut, schneller als dreißig Kilometer zu fahren, voilà Tagesetappe.

Die Mitte der Tour ist gekrönt von Bummeligkeit, Dahintreiben, Nichtswollen. Ein sehr angenehmer Zustand, in dem sich Raum und Zeit auflöst, der Alltag sich völlig auflöst, es keine Behördendrangsale per Brief gibt und nur ein leises Hintergrundrauschen in Form von Emails erinnert einen hin und wieder an die staatsbürgerlichen Pflichten. Mitglied einer Gesellschaft zu sein. Ihren Gesetzen und Normen zu genügen. Massenhaft prasseln Newsletterbestätigungsnachfragen herein. Ich werde die Newsletter alle verlieren, weil ich außer Dienst bin.

Stattdessen: fast hätten wir nackt gebadet auf dem Badplatz am gestrigen Nachmittag. Ich glaube, das ist in Schweden auf Badplätzen zwar tabu, aber man könnte. Da niemand ist. Kurz vorm Wassergang kam jedoch eine Familie, und naja, vor den Kindern will man ja kein schlechtes Beispiel geben und Badehose schadet ja auch nicht.

Uskavigården ist ein Anglerparadies. Im Aufenthaltsraum des Servicehauses surren zwei Gefrierschränke, in die die Beute eingelagert werden kann. Es gibt eine Art Wohnzimmer mit schön vertäfelten Holzwänden, Sofa, Fernsehgerät, Bücherregal. Küche mit vier Elektroherden und Spülgelegenheiten. das ist standard in Schweden. Falls man einmal eine Mieswetterpassage erleben sollte, ist man dafür auch sehr dankbar. Besonders als Radler oder Wanderer. Der Sverigeleden, Schwedens nationales Fernradnetz führt direkt am Platz vorbei und auch der über hundert Kilometer lange Wanderweg Bergslagsleden.

Zurück zur Dusche: als ich morgens ins Waschhaus eintrete, ist es frisch geputzt. Alle Grashalme, die man vom frisch gemähten Zelplatz hereinschleppte sind weg und auch die roten Flecken um die Duschabläufe. Ich hatte recht mit meiner Vermutung: jemand hat seinen frischen Fang ausgewaschen und das ist ja im Prinzip auch ein kleines Sakrileg, also sowas zu tun und bei ahnungslosen Touristen die Schwedenkrimimordgemetzel-Synapsen zu stimulieren.

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