Abgehängt | #kursnord

Es gibt stillere Orte in Schweden als Härnösund. Auf dem zwei Kilometer östlich der Stadt gelegenen Campingplatz hört man Tag und Nacht ein Grundrauschen wie von einer Industrieanlage und verflixt, ich möchte meinen Hintern verwetten, dass da auch eine Industrieanlage dahinter steckt. Fast komme ich mir vor wie daheim in Deutschland. Nur eben: dort ist es ganz natürlich, dass irgendwo immer etwas rauscht und rumpelt. Hier nicht. Zwei Einwohner pro Quadratkilometer, recherchierte Frau SoSo in einem Artikel über Lappland. Und Lappland ist schon verdammt nah. Wo genau es beginnt und aufhört, darüber streiten sich die Geister. Die Einen sagen, nördlich des Polarkreises und der dürfte noch drei vierhundert Kilometer entfernt sein. Aber die Vernunft sagt, Lappland ist wie jedes Land so unförmig, dass man es nicht an einer geraden Linie beenden oder beginnen kann (okay, ich glaube, der Bundesstaat Idaho in den USA ist eines jender Länder, dessen Grenze tatsächlich exakt Breiten- und Längengraden folgt.Wir haben uns treiben lassen bis hierher zu Hohen Küste, Weltnaturerbe der Unesco seit mittlerweile zehn Jahren, soweit ich mich erinnere. Eine gute Woche unterwegs. Fast 2500 Kilometer in den Knochen. Autofahren in Schweden, nimmt man einmal die Region um Stockholm aus, ist unheimlich entspannt. Wenn nicht anders angegeben, darf man auf Landstraßen 70 fahren, auf Autobahnen 110 und innerorts 50. Innerorts ist jedoch sehr oft auf 40 oder gar 30 reduziert und auf Autobahnen öfter auf 90 oder 80, statt auf 120 erhöht. 120 ist die höchste Geschwindigkeit, die wir bisher erlaubt-gesehen haben. Nur rings um Stockholm rasen einige Hasardeure mit bis zu 130 Sachen an einem vorbei. Es wird so gut wie nicht gedrängelt, bisher nie gelichthupt und die Hupe kommt tatsächlich dafür zum Einsatz, wofür sie von Gott geschaffen wurde: als Warnsignal. Nix Strafhupen, Zwangsausbremesen, Drangsalenabdrängen und Dichtauffahrmaßregeln wie im heimischen lovely lovely Deutsche-Autobahn-Gemetzel. Ich erinnere mich an einen Schweden, dem wir 2011 auf einer Skandinavien-Tour begegneten, der von seinem Auto-Trip nach Italien erzählte und uns sagte, nie wieder Deutschland per Auto. Zu groß das Gemetzel, zu rücksichtslos manche Autfahrer. Exakt beschrieb er das, was bei uns vorgeht als gigantische Malm-Maschine, in der die ganz normalen, vernünftigen Leute zwischen irrsinnigen Allmachtsrasern und dem drögen, ganz normalen Transportmuli namens LKW zermahlen werden. Die Autobahn ist der Ort, an dem man die Zerreißprobe, in der sich unsere Gesellschaften befinden, am deutlichsten erkennen kann. Manche Leute werden einfach abgehängt.

Aber auch Schweden folgt diesem Trend. Es ist ja nicht nur die Autobahn, auf der das Elend des Zerreißens sich physisch erlebbar manifestiert. Vor ein paar Tagen südlich von Stockholm kamen uns auf einer stark befahrenen Einfallstraße zwei vermutlich Äthiopier entgegen. Zu Fuß mit Plastiktüten. Im Straßengestank im Lärm. Vermutlich Flüchtlinge. Wieso zu Fuß auf der Strecke? Waren sie einkaufen? Sie trugen prall gepackte Tüten. Haben sie den Bus verpasst? Oder wahrscheinlicher: keine Kreditkarte, um ein Busticket überhaupt zu kaufen. Ich weiß es nicht und auch Frau SoSo und ich stehen ja verdammt nah am Abgrund und sind, rein finanziell schon fast abgehängt. Wir haben nur Bankkarten, mit denen man zum Beispiel auch nicht im ÖPNV bezahlen kann. An allen Parkautomaten, die wir bisher gesehen haben, sind die Schlitze fürs Münzgeld zugeschweißt und man kann nur noch mit Karte zahlen. Wir haben nun einen Zettel an der Windschutzscheibe mit der Aufschrift, unsere Karte wird nicht akzeptiert, tut uns leid und fahren falschparkend nordwärts. Besonders dramatisch wurde die Situation kürzlich in Uppsala, wo wir einen frühmorgendlichen Stopp einlegten, durch die Stadt bummelten, in einem der wenigen vor 10 Uhr schon offenen Cafés ein kleines Frühstück – per Karte bezahlt – einnahmen. Im Cafe gab es aber keine Toilette. Erst in der benachbarten Passage wurden wir fündig. Aber: um reinzukommen braucht es eine Kreditkarte, nix mit schlichter Bankkarte. So standen wir eine Weile, bis uns eine barmherzige Frau milde lächelnd in den Defäkierungstempel einließ und Frau SoSo, deren rebellische Natur mit ihr durchging robinhoodesk beim Hinausgehen mit einem Bündel Toilettenpapier das Türschloss blockierte. Vor laufender Kamera. Überall in der Ladenpassage bleckten runde Überwachungsaugen an den Decken und ich stellte mir einen geheimen Raum vor unterirdisch, in dem eine Armee von Wachleuten auf zig Monitoren die Stadt überwachen: da, sieh an, Kollege Per, wieder so eine Touristin, die es versucht, und schon löst er einen Alarm aus und die Häscher schwärmen aus und über die zahlreichen Kameras, die nicht nur in der Passage hängen, sondern überall in der Stadt, verfolgen sie uns in geradezuer Hollywood-Manier und klick klick, Frau SoSo, das wars, uppsala, Handschellen … ja, genau, das war in Uppsala. Welch wunderbarer Morgenflair die Überwachunsszene umspielte, fast wie der starke Wind, der um die Häuserecken pfiff und die vielen Fahnen überall vor den Geschäften flattern ließ und so manche Werbetafel umwarf. Stadterwachen in einer definitiv von Radlern und Fußgängern dominierten Stadt und wie es sie ins Gewebe presst zur Arbeit, zu Erledigungen, Behördengängen oder einfach nur – wie wir – zum irgendwo was frühstücken und obschon es für unsere Begriffe saukalt war, sah man viele Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts im kalten Wind auf dem Fahrrad. Sockenlose Gestalten; gekrönt wurde die ganze Szene von einem glatzköpfigen Monument von Mensch, das an einer sonnigen Stelle unweit des Hallenbads an einer Wand lehnte. Ein glänzender, geradezu polierter Kerl mit einer unheimlich fleckigen Arbeitslederhode, aber obenrum fast nichts am Leib, Morgensonne tankend, nie sah ich rasiertere Glatzen, außer vielleicht bei Vester, dem gutmütigen Bruder in der Addamsfamily-Kommödie. Vor einem Restaurant räumte der Wirt Tischdecken auf die Tische und Aschenbecher. Just als wir an der Tür vorbei flanierten warf er einen schmutzigen roten Fußabstreifer aus. Der rote Teppich des kleinen Mannes. Morgengrüßend grinsend. Dann die wuchtige Kathedrale, deren Seiteneingänge mit SOLCHEN Schlössern versperrt waren, garniert mit einem Bündel von Bettler vor dem Hauptportal.

Handschellen blieben Frau SoSo erspart und auch die Sache mit dem Parkticket ging gut und so trieben wir die letzten Tage auf der E4 weiter gen Norden. Die Straße ist bis etwa Sundsvall durchweg vierspurig ausgebaut, eine ganz normale Autobahn. Nur eben mit eher weniger ganz normalem Verkehr. Zivilisiert. Ab der ziemlich wuseligen Gegend um Sundsvall ändert sich die Landschaft. Die Bäume sind nicht ganz so groß wie südlich und das Klima ist generell rauer. Zudem ist es sehr lange hell. Die Sonne geht hier am etwa 17. Längengrad zwischen 21 und 22 Uhr unter und zwischen drei und vier Uhr wieder auf. Die stundenlange Dämmerung erledigt den Rest. Auf dem Campinplatz in Härnösand haben wir nun unser Zelt stehen und bleiben ein paar Tage hier, um uns die Hohe Küste in Tageswanderungen zu erschließen. 180 Kronen kostet die Nacht, eine Hütte 450 Kronen. Ich erinnere mich daran, wie wir vor acht Jahren stets vor dem Einchecken eine Schmerzgrenze festlegten, wieviel zu zahlen wir bereit sind. Sie lag zwischen 120 und 150 Kronen. Die Gesellschaft hat sich acht Jahre lang weiter aufgebläht und wir sind nicht unbedingt mitgewachsen, dennoch haben wir unsere Schmerzgrenze auf 220 Kronen hochgeschraubt. Bald schon werden wir abgehängt, wenn wir nicht bereit sind, mitzurennen.

Über Uppsala berichtete Frau SoSo vorgestern hier.

2 Gedanken zu „Abgehängt | #kursnord“

  1. Es ist ja bei der einen und dem anderen nicht unbedingt die Frage, ob man bereit ist mitzurennen, eher, ob man (noch) kann oder eben nicht mehr, um abgehängt zu werden oder schon zu sein. Zwar sehe ich mich noch immer nicht als Schinken, aber die Räume werden immer kleiner und enger, das behagt mir nicht!
    Schweden … das ist für mich ein Bilderbuchland, aber nur vom Land her, von seinen Hügeln, dem Meer, den Inseln, den Flüssen und auch Mücken, „mein“ Bullerbü … aber so vieles ist nur noch Makulatur (wie in vielen anderen Ländern auch: aufgehübscht für Touristinnen mit Vorgaukelidyll), dahinter verbergen sich steinharte Realitäten, ob nun Kreditkarten oder Erz…
    Ich will euch nicht den Urlaub versauen, also höre ich hier auf, die Idylle bleibt die Idylle und diese schenkt Freude und Ruhe.
    Eine mücken- und sorgenfreie Zeit wünsche ich euch,
    herzlichst, Ulli

    1. Genau das. Der genaue Blick hinter den Vorhang, der einen erschreckt innehalten lässt und man ist fassungslos gegenüber der Maschinerie, deren Teil man ist, ob man will oder nicht. Die Vorzüge des Wohlorganisierten bringen ebenso auch Nachteile, die einen zu schmutzigen Kompromissen verleiten.

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