Dieser verflixte gespaltene Stein von Lövö | #kursnord

„Mh-hmm, Ikea!“ Der Mann mustert unsere schneeweißen Fahrräder. Es ist nicht auszumachen, ob er verächtlich die Unterlippe rollt, oder ob er bewundernd die beiden blitzeblanken Stahlschimmelchen betrachtet. Außer einem ‚Hei‘ zur Begrüßung und einem ‚Heidåg‘ zum Abschied fällt kein Wort. Er steigt auf sein blaues Fahrrad, das von der Konstruktion her ziemlich ähnlich aussieht wie unsere beiden Leihräder und braust davon in den Garten des Hembygds Gård von Mönsterås.Welch lieblicher Platz. Gibt es etwas schwedischeres als Hembygds Gårds oder Hembygds Museet? Grob gesagt sind das alte Bauerngehöfte oder manchmal sogar ganze Dörfer von Holzhäuschen, liebevoll restauriert, in denen man eintauchen kann in die regionale Geschichte. Fast jede Gemeinde in Schweden dürfte so ein Freilichtmuseum haben. Frau SoSo und ich treiben uns herum, lungern auf Bänken unter alten Eichen, sind auf Mönsterås-Runde, eigentlich ein Fitness-Kurs rings um die Stadt, wenn ich die Schildchen mit dem joggenden Männlein richtig deute, die die Richtung weisen. Vielleicht drei vier Kilometer rings ums Städtchen: Vogelbeobachtungsturm, Schwimmbad, Gemeindehaus und eben das Heimatmuseum, wo wir unter der auf 13:25 Uhr stehen gebliebenen alten Uhr pausieren. Das Ding sieht aus wie eine Taschenuhr, die man mit einem Eisen an die Scheune genagelt hat, vielleicht einen halben Meter durchmessend mit modellierter Kette. Als wäre das Haus ein Gutsherr und dort wo die Uhr hängt, knapp unter der Dachrinne, wäre sein Uhrenseckel und die Kette baumelt herunter. Unweit steht ein alter Kran aus Holz mit einer eisernen Kurbel. Ich präge mir das Ding ein, denn daheim auf dem einsamen Gehöft habe ich mittlerweile etliche edle Holzstücke angesammelt, die ich gerne mit der Kettensäge bearbeiten würde, die aber so schwer sind, dass man sie mit Manneskraft nicht bewegen kann. Vielleicht baue ich einen Kran?

Dass man uns an der Rezeption des First Campings Ikea-Fahrräder geliehen hat, habe ich ohne Brille gar nicht bemerkt. Auch nicht, dass die Dinger einen Zahnriemen haben, statt einer Kette. Bei näherem Betrachten ist aber deutlich der Ikea-Aufkleber oberhalb des Tretlagers zu erkennen. Sie sind bestens ausgestattet, obschon beim einen Rad der Lenker schief ist, das andere erbarmungslos klappert, die Scheibenbremsen quietschen und Frau SoSos Sattel viel zu niedrig ist. Nach den ersten Metern stelle ich überrascht fest, dass die Technik derart raffiniert ist, dass sich die vermeintlichen Eingang-Fahrräder bei höheren Geschwindigkeiten in automatisch schaltende Zweigangräder verwandeln. Zauberei schlichtweg. Ich vermute dass in der Hinterradnabe eine Art Voith Fliehkraftkupplung (:-)) verbaut sein muss – wie in alten Porsche Traktoren – ein unverwüstliches Etwas, das von Zauberhand bei höheren Touren den kleineren Zahnkranz nach außen drückt und den Riemen herüberschiebt. Egal. Die beiden willenlosen Ikeaesel sind störrische Biester, zwingen einem trotz ihrer Willenlosigkeit dennoch die Gänge auf, egal was man tut. Für einen Typen wie mich, der beim Radeln gerne die Armstrongsche Kolibritechnik einsetzt, sprich gerne mit hoher Drehzahl kurbelt, ist es gewöhnungsbedürftig. So kurbeln wir durch die Gegend und machen einen Abstecher auf die Halbinsel Lövö. Dort gibt es einen gespaltenen Stein, habe ich auf dem Cover eines Buches in der Touristeninformation gesehen. Er sei riesig, sagt die Touristikerin am Empfang. Ein fast runder Findling, der wie von Teufels Hand in zwei Hälften gespalten wurde. Da will ich hin. Sieben Kilometer über sanft gewellte, kaum befahrene Sträßchen. Drei vier Höfe auf der Insel. Danach nur noch Natur. Schotterwege, die sich zu Pfaden zersiedeln. Die leckenden Wellen sanft ruhenden Meeres in den vielen kleinen bewaldeten Buchten. Spärliche Beschilderung. Vom gespaltenen Stein keine Spur. Niemand, den man fragen könnte. Hätte wir uns das bloß in der Info erfragt, aber nun … am Wegrand finden wir immerhin den Vard-Sten, den Warzenstein, dem man nachsagt, dass man etwas Gutes gegen wunde Füße, insbesondere Warzen tut, wenn man nach Regenphasen seine Füße in der mit Wasser gefüllten Mulde auf dem etwa sechzig Zentimeter hohen Findling badet.

Auf dem Rückweg aus der „Sackgassenhalbinsel“ Lövö wird mir klar, wie wichtig gutes Touristenmanagement für eine Region ist. Anhand der Karten und des Infomaterials, das wir in der unscheinbaren Informationsstelle am Hafen von Mönsterås erhalten haben, könnte ich mir nämlich durchaus vorstellen, den Rest der Ferien in dieser Gegend zu verbringen. Neben höchstem Berg weit und breit mit Ausssicht auf nur Wald ringsum (so die Tourismusbürofrau), gibt es den 80 Kilomter langen Mönsteråsleden, einen Rundwanderweg. Hofgüter, diesunddas, Pipapo und ewig schrappen die sanften Wellen der sommerlichen Ostsee an den Schäreninseln. Vorsaisonal ruhig ists zudem.

Sicher wären wir auch nicht nach Lövö geradelt, wenn nicht der gespaltene Stein und die geschnittenen uralten Bäume auf Bildern gelockt hätten. Eigentlich ist Schweden so aufgebaut wie ein Supermarkt, in dem man die Kunden mit Lockangeboten schon gleich nach der Tür verlangsamt. Nur, dass statt Fischdosen im Dreierpack auf den Auslagen der Tourimusinformationsstellen Bergwerke liegen, Höhlen, Mühlen, Schlösser und Spaßrutschbahnen und eben dieser verflixte gespaltene Stein von Lövö. Den wir nicht finden.

Fazit also, wenn du eine Region bist, die um Touristen buhlt, arbeite deine Sehenswürdigkeiten sorgfältig heraus, installiere sie als Phantasien im Kopf deiner potentiellen Gäste, so dass sie einen unwiderstehlichen Drang verspüren, hier zu bleiben. Gib ihnen Motorboote, Kanus, Ikeafahrräder … rechtschaffen müde erreichen wir abends den immer noch kaum bevölkerten Campingplatz. Durch den Tagesausflug habe ich mir die Gegend in einen Wiederkehrort ins Hirn gebrannt. Irgendwann mal mit weniger Norddrang. Doch nun, da ich dies schreibe, scharren die Nordwärtsseelenschlittenhunde schon mit den Pfoten und ich kann es kaum erwarten, weiter #KursNord zu fahren und ich denke, Frau SoSo, die hier berichtet, geht es so ähnlich. Und herrjeh, wir sind noch immer verflixt weit südlich, wenn man sich das riesige Schweden einmal anschaut. Stockholm etwa 300 Kilometer.

2 Gedanken zu „Dieser verflixte gespaltene Stein von Lövö | #kursnord“

  1. Schön, was Ihr da so treibt – und ich habe es mal an eine Schwedenliebhaberin weitergeleitet.
    Warzen an den Füßen, ihhh, habt Ihr hoffentlich nicht, und wenn, dann schnell dort „behandelt“!
    Gruß von Sonja

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