The Golden-Ass-Situation

Drei Schaufenster, über denen der Schriftzug Bewerten Verkaufen Vermarkten geschrieben steht.

Ärsche, Ringe, hart arbeitende Menschen, feine Damen, alter Turm. Die Stadt erzischt unter dem Schütten Frischbetons. Eine eigenartige Form von Stille. Alle wollen von Wo nach Wo. Taube in taumelndem Flatterflug, teernah, ein unachtsam weggeworfenes Stück Brot im Fokus. Wohin geht die Welt im Vorbeizischen eines elektrogetriebenen Lastenrads? Surren der Ketten im Gleichklang klappernder Feindamenschönschuhchen. Ich bin zurück, die Ellbogen gestützt auf eine Bauabsperrung unter der Einflugschneiße des Zürcher Flughafens. Adventisch diabolische Glitzerläden voller sündhaftteurer Glitzerdinge für die Wohlgenährten.

Die Stadt durchspaziert, die so eigenartig im Umbau scheint. Überall stehen Baukräne, quietschen Ketten, werden Lasten gezogen, geschwenkt, an Ort und Stelle gesenkt. Die Sonne kämpft gegen Hochnebel und Smog. Die alte Burg Baden reckt ihre Zinnen wie Zacken ins Licht, darunter ein stark frequentierter Straßentunnel, Durchgang verboten, so dass mich mein Weg eben nicht durch diesen Tunnel, sondern direkt ins Manor-Kaufhaus lotst, wo die Ärsche-Situation – The-Golden-Ass-Situation auf mich eindrischt in Form von vor mir auf der Rolltreppe stehenden dahintriftenden Menschen mit vollen Einkaufstüten – ja, wo soll ich denn sonst hinschauen als auf die Ärsche vor mir. Ich komme mir vulgär vor, zwinge den Blick nach links und rechts, mogele mich vorbei am Restaurant, ach was, ich laufe mitten durchs Buffet des weitläufig offenen Restaurants, in dem Gegrilltes neben gesunder Rohkost liegt unter Plexiglasabschirmungen. Alle taumeln zur Kasse und bezahlen und suchen sich einen Platz im durchaus noblen Schnellrestaurant. Die Rolltreppe habe ich gemeistert und schummele mich an der Schmuckabteilung vorbei bis zur Schiebetür auf der anderen, stadtgewandten, Seite des Kaufhauses. Endlich draußen torkele ich zu den Rabatten einiger Stadtbäume, die von Metallabsperrungen umgeben sind.

Das uralte Handy zwischen den Händen, Ellbogen auf die eiskalte Absperrung gestützt wie so ein Mann am Tresen. Fast zärtlich streicht der Daumen über den Screen, diese Worte tippend. Ich sehe kaum etwas, so ganz ohne Brille. Vermutlich treffe ich dennoch die meisten Buchstaben.
Woanders stehen die Kehrrichtsäcke vor den Haustüren, daneben vier fünf leere Feldschlösschendosen und auf den Säcken prangt der Schriftzug ‚Baden ist Service‘. Man wird sie bald abholen und verbrennen oder zerquetschen und deponieren.

Welt ist im Takt, aber nicht in Takt. ‚Bewerten Vermarkten Verkaufen‘, steht über den drei Schaufenstern von, ja, was ist das für ein Laden? Und gleich gegenüber prangt das Wort ‚Sidestep‘ über einem anderen Was-ist-das-für-ein-Laden. Was wollen mir die Worte über den Schaufenstern sagen? Hier unterm alten Stadtturm?

Verfolgt von einem Stadtbus weiche ich unter ebendiesem Turm in eine Nische aus, unverpisste Ecke, kalkweiße Wand. Fluchttier. Und der Fahrer lächelt und ich nicke und so machen wir einander unseren Tag durch einfaches zur Seite gehen, Lächeln und Nicken, rücksichtsvoll sein. Ich fotografiere Müllsäcke, Schaufenster, Tand und murmelnd mahnt der alte Brunnen, in dessen Mitte eine steinerne, kletternde Löwenskulptur steht, auf deren Kopf eine Taube ruht. Gehe drumherum, nein, das ist gar kein Löwe, das ist ein … was ist das? Stein? Den sollteste fotografieren, den Stein, der Was (?) ist und aus dem Wasser sprudelt, und nicht den Müllsack. Bimbam halb Elf.
Die Besitzerin eines Modeladens tritt heraus und fotografiert ihr Werk. Nüchterne Schaufensterdeko. Luftballonsäulen neben Kleidern in Laden. Drinnen viel Licht. Eng ihre Kleidung. Gepresst der Körper, wie Wurst, aber sehr sehr schick.

Stille kniet auf einem kleinen Platz zu Füßen eines schiefen Kirchturms mit grün-gelb-rot-schwarzen Ziegeln und ein kleiner weißer Köter mogelt sich ins Bild und kläfft Unsichtbares an. Auch er trägt eng und sieht aus wie Wurst mit Zotteln. Von Menschen besessene, schön gekleidete Wurst.

Zwischen der Kirche und anderen Gotteshäusern und -hüttchen ist die Stadt plötzlich still. Ich nähere mich dem Fluss, der Limmat, und bewundere sie, wie sie sich über Jahrtausende durch den Fels gefressen hat. Diesseits Häuser, jenseits Häuser und zackig der Fels, den sie zernagt hat, Fels mit Erodiertem auf dem sich vereinzelt Bäume krallen. Nichts wird mehr sein in tausenden von Jahren. Ich im Jetzt, beobachte dies und die Wogen allen Erlebten – herrjeh, so wenig, so kostbar – schlagen über mir zusammen, während ich die Eingänge eines viele Stockwerke tiefen Parkhauses passiere, wo Menschen stehen, schwätzen, den Automaten Geld geben, um ihre Autos wieder frei zu kriegen.

Bildcollage mit Szenen aus Baden, Häuser, Müllsäcke, Kirchen, Graffitys
Urban Artwalk Baden November 2017

Ich bin wieder da. Bin ich wieder da? Die Blogstille war unerträglich. Wieviele Monate habe ich nicht geschrieben? Wieviele Monate war ich tot, co-tot, ausgehöhlt, depressiv, leer, gelähmt, während all das, was ich eben durchschritten habe immer war, immer pulsierte, immer lebte. Ich will das wieder. Ich will das durchleben. Ich will es beschreiben. Ich will wieder reisen, darüber schreiben, mein Bild der Welt zeigen, wie ich es im steten Jetzt durchwandere. Noch bin ich schwach, merke ich, verletzlich, aber die Finger tanzen über den winzigen Smartphonebildschirm hie und da in den Winkeln meines Stadtspaziergangs. Fast wie damals als alles begann, als ich die Wanderung nach Santiago tippte. Das ist meine Welt, merke ich, eine Welt ohne Halt. Ein ziemlich korruptes, perverses, gewachsenes und von Menschen geprägtes Stück Sein. Mit allem Bösen und Guten, Ausbeutung und Nutzen, Gewalt und Schönglanz, Schaufenstern und Müll, Hochsicherheitstüren und Offenem, sündhaft teuren Vehikeln und heruntergekommenen Pennern, allem Bezahlten und Gewollten, ein paar Zeiteinheiten genutzten, für wertlos befundenen und wieder weggeworfenen Dingen.

‚Bloggen ist Service‘ kann ich nur entgegenbringen, und hey, ich bin wieder da, ich werde darüber schreiben. Kommt mit.

Ach und Ärsche, natürlich.

 

7 Gedanken zu „The Golden-Ass-Situation“

  1. Ja, wen haben wir denn da?
    Sein oder Schwein
    Marsch oder Arsch,
    es wird kommen, wie es kommen soll.
    Lass es drauf ankommen, lebe nicht Spalierobst, sondern echt prall.
    Anders kenne ich dich nicht.
    Also…!

  2. … Wieder da… nie weg gewesen… immer gerne gelesen… ich freue mich

    auf dich… und auf dein geschriebenes Zeitgeschehen gesehen und betrachtet… beachtet von allen Seiten.*Schmunzel liebe Grüße und lass uns die Welt so machen wie wir sie wirklich sehen… all den Ärschen zum Trotz…

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