Dienstreise in die imaginäre Armut | #ibcoco #flussnoten

Plötzlich mitten in Rheinhessen. Ein kleiner Parkplatz. Schautafeln, eine Hütte, ringsum Weinberge, abgeerntete Felder, garstige Kahle. Ich hatte mich verirrt, war irgendwo falsch abgebogen vom Selzradweg, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau wusste, wohin er führen würde, woher er kam. Die Selz ist ein kleiner Seitenfluss des Rheins. Der Mittelpunkt Rheinhessens liegt in der Nähe des Dörfchens Gabsheim. Man hat einen weiten Blick über das kahle Land. Rheinhessen ist das größte Weinanbaugebiet Deutschlands, lernte ich auf einer der Schautafeln. Sofort begann mein Künstlerhirn zu rattern und ich stellte mir vor, das kleine Ländchen in Rheinland-Pfalz einmal vom Mittelpunkt aus in immer größer werdenden Kreisen zu erkunden. Es gibt in Rheinhessen nur vier Dörfer, in denen kein Wein produziert wird, lernte ich beim Studium der Schautafeln.

Eigentlich war ich auf Dienstreise. Sonntags und montags verbrachte ich bei Freund Sven, um ihm bei seinen Webseiten zu helfen. Dass der Radweg fast direkt an seinem Atelier vorbeiführt, ein Glücksfall. In Rheinland-Pfalz kann man Fahrrad und Zug prima kombinieren, so dass ich auf dem Hinweg das Fahrrad gleich mit ins Abteil gepackt hatte. Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich treiben. Der Termin war erledigt. Unformatierte Zeit ohne Ende lag vor mir. Ich folgte einfach den Radwegschildern in Richtung Süden, durchquerte das Städtchen Alzey, erfreute mich an der Strecke, bis ich am südlichen Ende Rheinhessens in Orbis schließlich die Quelle des gut sechzig Kilometer langen Rheinseitenflusses erreichte.

Heiß. Sonne. Durst. Einkaufen. Ein Café in Kirchheimbolanden. Die Stadt, deren Wahrzeichen ein Eber ist, liegt am Fuße des Donnersbergs, des höchsten Bergs der Pfalz. Über zahlreiche Aufs und Abs folgte ich der Ostflanke bis zur nächsten Bahnstation in Münchweiler an der Alsenz, nahm einen Feierabendzug. Die Strecke bis ganz nach Hause wäre an einem Tag im Bummelrhythmus auch kaum zu schaffen gewesen.

Wieder einmal kamen mir meine Pläne in den Sinn, mich endlich um die Heimat zu kümmern, es einmal gut sein zu lassen mit den langen Reisen. Kaum zu glauben, dass ich vor ziemlich genau einem Jahr live bloggend zum Nordkap radelte und die Tour im Frühling in die entgegengesetzte Richtung nach Gibraltar ist schon fast vergessen. Auch die unterbrochenen Flussnoten sind nur noch Schemen. Dennoch: die Selz ist ein veritabler Nebenfluss des Rheins. Im Grunde radele ich also im Flusssystem des Rheins. Ich bin hierzulande immer am Rhein, wenn ich den ‚erweiterten Flussbegriff nach Irgendlink‘ als Maßstab nehme (überall wo Wasser in den Rhein fließt, ist auch Rhein). Ist meine kleine Tagesradtour im Prinzip auch dem Buch Flussnoten zuzurechnen? Friedlich kurbelnd spielte ich mit dem Gedanken, orientierungslos daheim im Kreis zu fahren.

Bahnhof Homburg, der Regionalzug spuckt mich nebst Fahrrad aus und ich ächze in der Abendsonne die letzten zehn Kilometer zurück zum einsamen Gehöft. In der Homburger Innenstadt fleddert ein bärtiger Kerl alle liegen gelassenen Kekspackungen und Fastfoodtüten nach Essen und stopft hungrig alles, was noch essbar ist in den Mund. Die Mülleimer durchwühlt er nach Pfandflaschen. Wie der Scheinwerfer eines Leuchtturms strahlt sein Blick über einen weiten Platz. H&M, Bank, Glasfronten, Herumlungernde. Ich krame ein paar Münzen aus dem Geldbeutel und drücke sie ihm in die Hand. Wortlos schaut er mich an.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren, Herr Irgendlink? In einer deutschen Kleinstadt fremd den öffentlichen Raum nach Verwertbarem durchsuchend? Ungepflegt, niegeduscht, verwirrt, alles verloren? Vielleicht.

Aber bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein runter.

8 Gedanken zu „Dienstreise in die imaginäre Armut | #ibcoco #flussnoten“

  1. Die Sonne am Rhein
    (Text: Sven Schalenberg, 31.10.09, nach der Melodie „The rose“ von Amanda McBroom)

    C G a C C4
    Sonne taut die schweren Eise… Und das Wasser springt zu Tal.
    C G a C C4
    Sonne taut den Schnee ganz leise. Abwärts zieht Alles ohne Wahl.
    a d G G4 C C4
    Von den Seiten kommen Bäche, Wasser rollt im Bett den Stein,
    a d
    ’Zieht ‘nen Graben durch die Fläche,
    G G4 C C4
    Und nach Norden fließt der Rhein.

    C G a C C4 C
    In den Bergen Anlauf nehmend, ist der Fluss bald nicht mehr klein.
    C G a C C4 C
    Die Geschwister geben schönend, Rechts und Links ihr Nass hinein.
    a d G G4 C C4 C
    Es tragen Schiffer ihre Fuhren. Es grüßen alte Städte fein.
    a d
    Auf den Brücken treffen sich Kulturen
    G G4 C C4 C
    Und nach Norden fließt der Rhein.

    C G a C C4 C
    An den Ufern feiern Leute, An den Hängen wächst der Wein.
    C G a C C4 C
    Man denkt immer an das Heute, Und lässt jeden Guten Sein.
    a d G G4 C C4 C
    Es treiben Freunde gerne Posse, Dazu fallen Lieder ein.
    a d
    ’S fällt der Unmut in die Gosse
    G G4 C C4 C
    Und in’s Meer fließt dann der Rhein.

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