Vierte Woche #flussnoten – per Rad vom Bodensee in den Breisgau | #ibcoco

Wochenrückblick Flussnoten: Vierte Woche. Zweiter Akt.

Per Fahrrad setzte ich die Reise alleine fort. Bodensee, Untersee, Hochrhein, Aare mit Wasserschloss (Zusammenfluss von Limmat und Reuss in die Aare) , Kaiseraugst, Basel und Oberrhein bis Breisach. Frau SoSo brachte mich nebst Radel montags (am Schweizer Nationalfeiertag, dem ersten August) per Auto nach Fußach, wo wir zweieinhalb Tage zuvor unsere Wanderschaft beendet hatten.

Der Rhein taucht nahe Bregenz ab in den Bodensee. Sein kaltes Wasser mischt sich auf etwa 80 Kilometern bis Konstanz mit dem warmen Seewasser. Als Seerhein überbrückt er einige Kilometer, durchfließt den Untersee bei Radolfzell und tritt ab Stein am Rhein mit dem Hochrhein wieder als Fluss in Erscheinung.

Zweieinhalb Tage folgte ich dem touristisch perfekt erschlossenen Bodenseeradweg bis Radolfzell und weiter zur Aaremündung, machte einen Abstecher nebst Pausentag bei Frau SoSo, die in der Nähe des sogenannten Wasserschlosses lebt. Im Wasserschloss schließen sich drei große Schweizer Flüsse zusammen, Limmat, Reuss und Aare. Gemeinsam fließen sie etwa zwanzig Kilometer weit, bis sie bei Felsenau in den Rhein münden.

Höhepunkte der Woche sind der Rheinfall bei Schaffhausen, eine kurze Schifffahrt nach Eglisau, die alte Römerstadt Augusta Raurica (heute Kaiseraugst), Basel und Breisach. Zu lesen auf Flussnoten, wo ich regelmäßig bloggte.

Ich durchradelte ein nahezu vollständig von Menschen vereinnahmtes und kultiviertes Seegebiet und Flusstal. Einzelne Naturschutzgebiete muten an wie eine Art hilflose Wiedergutmachung, wenn man die Autobahn direkt daneben betrachtet, den Einflugschneisenverkehr zum Airport Zürich, Maisfelder, geschundene Nutzwiesen.

In aller Demut und mit der Frage Warum?, komme ich zu der unbeholfenen Antwort, dass das so muss.

Die Welt als Ganzes betrachtet wäre ein Prozess, der einfach abläuft mit aller Zerstörung, Nutzbarmachung, Wertschöpfung, Wiederaufbau, De- und Renaturierung. Wir Menschen sind Teil dieses Prozesses. Wir laufen ab, durchlaufen über die Jahrhunderte Wenn-Dann-Scheifen, bis wir irgendwann vergehen und als Bedingung im Gesamtprozess der Genesis aufhören als Kraft zu wirken. Mit allem Guten und allem Bösen, das wir einbringen.

Andere Kräfte werden Überhand gewinnen, andere Spezies, vielleicht Ameisen, Fische, oder gar etwas heute noch nicht Denkbares, Roboter, künstliche Intelligenz?

Bei den Römerbauten in Kaiseraugst kann man auf solche Ideen kommen. Begraben unter Metern von Rheinsediment liegt die einst blühende Stadt aus dem ersten Jahrhundert. Außer ein paar Fundamenten und Scherben und Steinmeißeleien ist kaum etwas übrig von der alten Hochkultur. Schrift und Sprache sind noch da, die Zahlen und auch die damalige Lebensart können von Archäologen rekonstruiert werden. In einem Flussnoteneintrag fragte ich mich, ob wir tatsächlich so viel weiter gekommen sind in unserer Entwicklung seit damals. Klar könnte man sich auf die technischen Entwicklungen berufen, Flugzeuge, Raumfahrt, Autobahnen, Kernkraft, Radwege, den Fluss gebändigt zu haben, Grenzen versetzt, Grenzen gezogen, globalisiert. Wir leben durchschnittlich zwanzig, dreißig, vierzig Jahre länger, stemmen uns dem Tod entgegen. Aber letztlich, waren nicht auch die Römer schon globalisiert, war ihre Lebenserwartung nicht auch schon erheblich länger als die der Steinzeitmenschen?

Im Grunde tun wir seit Jahrtausenden doch immer nur eines: uns in stetigem Miteinander und Gegeneinander langsam weiterentwickeln. Das Grundgefüge des Wie-wir-Menschen-leben hat sich kaum geändert.

Ein muskulöser Kerl, ich sah ihn im Augenwinkel mit nacktem Oberkörper an einer Trimmdich-Strecke nahe Basel von Stange zu Stange hangeln. Wie so ein Rocky Balboa. Demonstrativ mächtig. Daneben die zierliche Freundin, ihn anstarrend, was für ein Schnappschuss am Rande meines Weges. Der Muskelmann als Sinnbild für Menschheit, die affengleich im Rad der Jahrhunderte von Technologiestufe zu Technologiestufe schwitzt und in sich doch nur ein Rädchen im großen Evolutionsgetriebe ist.

Wie eine Erinnerung an das Ende stand plötzlich ein fast fünfzig Meter langer Plastikdinosaurier in einem Park vor Basel. Längst ausgestorben, von Menschen mühsam rekonstruiert. ein Seismosaurus, datiert auf die späte Jurazeit.

Das Anthropozän wurde kürzlich propagiert, das Menschzeitalter. Es klingt mir selbstherrlich, denn es bedeutet, dass wir Menschen ähnliche Auswirkungen auf den Weltenprozess haben wie etwa die Eiszeiten.

In den Flussnoten ging es für mich alleine schreibend weiter. Das live geschriebene Buch wächst und wächst. Ganz langsam. Blogeintrag um Blogeintrag. Genau wie der Fluss Tropfen um Tropfen wächst. Die Schreibarbeit auf dem Handy ist harte Arbeit. Stets bin ich am Denken, verarbeite die Eindrücke des Tages, abstrahiere, forme das Buch bewusst und zu einem guten Teil auch unbewusst; und wenn ich den größeren Komplex betrachte, mein Blogkonglomerat, das mittlerweile aus drei Blogs besteht, die ich regelmäßig füttere, so bin ich ein bisschen stolz. Noch letztes Jahr glaubte ich nicht daran, dass es funktioniert, mehr als ein Blog ernsthaft mit Inhalt zu bestücken. Dass nun dieses Blog auf irgendlink.de zu einer Art Metablog für flussnoten.de geworden ist und ich spielerisch auch noch das erdversteck.de als Sprachrohr des fiktiven Künstlers Heiko Moorlander mehrmals wöchentlich befülle, ist im Grunde auch eine Art Evolution. Meine kleine private Künstler- und Schriftstellerevolution sozusagen.

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