Struve, Schmuggler, Tunichtgute #AnsKap

1995

Dieser Ulf, den sie alle nur Ülfen nennen, ist ein durchtriebener Kerl. Aus einer Spriteflasche hat er uns, QQlka und mir, die Gläser halb voll gemacht und mit verschmitztem Lachen hebt er seins und sagt ‚Skol‘.

Höflich wie wir sind, stoßen wir an. QQlka nimmt einen großen Schluck, ist ja nur Sprite, schaut mich mit verdrehten Augen an, ein stummes ‚Nein‘ im Blick. Das Zeug brennt wie Hölle. Sie brennen es selbst und wir können nur hoffen, dass sie den Vorlauf gut abgesondert haben, sonst gehen wir mit argen Nervenschäden aus der – ähm, was ist das eigentlich? – Privatparty.

Wir sind in einer Mietwohnung in Pajala. Draußen ist es schon dunkel. Es ist mitten in der Nacht. Der Pub, in dem wir gelandet sind, als wir in die Stadt kamen, hat uns alle rausgeschmissen. Etwa acht bis zehn Nachtschwärmer in einer schwedischen 3000-Seelen-Gemeinde weit nördlich des Polarkreises. Ülfen ist UN-Soldat. Er ist der einzige in der Runde, der ab und zu raus kommt aus Pajala, dann aber richtig dicke in die Krisengebiete dieser Erde. Die Wohnung gehört einem Mädchen, das durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt. Früher war sie Sportprofi. QQlka unterhält sich lange mit ihr auf Englisch. Wohl hat sie sich, aus Stockholm stammend, hier oben verkrochen. Dann ist da noch Sven, der uns aufgegabelt hatte, als wir nachmittags in die Stadt einradelten. Auf der Terrasse der Bar saß er und wir wollten ihn eigentlich nur nach einem Laden fragen, da verstrickte er uns in ein Gespräch und wie Ameisen rutschten wir in den Trichter imaginärer Riesenameisenlöwen.

Immer mehr Leute kamen, bis eigentlich alle, die in Pajala etwas Abwechslung suchen, in der kleinen Bar versammelt waren. Man trank. Man fachsimpelte über das Reisen und über das Hiersein in diesem naja, gottverlassenen letzten Außenposten Stockholms in den unendlichen Weiten Lapplands.

Sven bot uns an, bei ihm zu übernachten, auch die Sauna könnten wir benutzen, die in jedem Mietshaus hier in der Gegend zur Standard-Ausstattung gehört. Dass er ein Tunichtgut sei, das Enfant Terrible der Stadt, sagte er, man glaube, er verderbe die Jugend, verleite sie zu Alkohol und Zigaretten. Seine Wohnung sei so eine Art Open House.

Am Morgen, verkatert in seiner Küche, verstehen wir, was er meint. Die Schüler kommen in der großen Pause herüber vom nahen Schulhof, setzen sich an seinen Tisch, schenken sich Kaffee ein. Einer nimmt Sven eine frisch gedrehte Zigarette aus den Fingern, die dieser sich gerade anzünden will.

Völlig verkatert ächzten QQlka und ich raus aus der Stadt hinüber nach Finnland, wovor man uns mit einem schwer deutbaren Augenzwinkern gewarnt hatte: Passt auf, jeder Finne hat ein Messer.

Am gestrigen Sonntag war Pajala wie ausgestorben. Gegen zehn Uhr erreiche ich die Stadt, vorbei an Wohnsiedlungen – war es hier, in diesem Haus, wo die finale Party stattgefunden hatte? – vorbei an Kirche und dem riesigen Friedhof bis zu einer fast menschenleeren Kreuzung, an der ein Hamburgerrestaurant steht. Alles scheint geschlossen. Ein Münchner Reiseradler irrt umher. Wir halten ein Schwätzchen. Er ist in Kirkenes an der russischen Grenze gestartet und durch Finnland vorbei am Inarisee hierher geradelt. Ziemlich zügig. Er hat wenig Zeit. Man sieht ihm den Bussinessmann an. Teure Funktionskleidung, GPS, Handy im Schulterhalfter, fehlt nur noch ein Headset.

Sein Rad kam mit zwei Tagen Verzögerung in Kirkenes an. Die müsse er jetzt aufholen. Über 150 Kilometer radelt er am Tag. In seiner Haut möchte ich echt nicht stecken. Radeln gegen die Zeit ist der größte Feind der Kreativität. Dann verkommst du zur Gepäckvorantreibungsmaschine. Zum puren dahinschwitzenden Etwas, das sich permanent neue Landmarken und Herausforderungen setzen muss und einem strikten Urlaubsplan unterworfen ist. Im Prinzip sind die Ferien für ihn vielleicht so eine Art Fortsetzung des Bussines mit anderen Mitteln und in anderer Umgebung.

Und bei mir? Sind es ja eigentlich keine Ferien, sondern selbst auferlegte, unbezahlte Schreib- und Kunstarbeit, deren Medium und Quelle das Unterwegssein ist. Das macht die Sache so bizarr. Eine Art Umkehrung des modernen Menschseins liegt hier vor. Arbeiten und dabei Spaß haben. Und kein Geld verdienen, okay. Aber Geld, das ist doch sowieso oft nur ein billiges Trostpflaster für verlorene Lebenszeit in einem Job, den man eigentlich nicht mag … neinnein, keine Sorge, ich weiß schon wovon ich rede, ich Leichtfuß. Ich kenne ekelhafte Jobs, zu denen man sich selbst immer wieder hinprügeln muss, nur zu gut, seien sie auch noch so gut bezahlt. Und ich weiß, dass es eigentlich aus dieser Mühle kein Entrinnen gibt, es sei denn, man nimmt brachiale Maßnahmen strikten Verzichts auf sich.

Irgendwie passen diese Gedanken ganz gut zu Pajala. Die Menschen, mit denen QQlka und ich 1995 zechten, schienen alle irgendwie gefangen in diesem 3000 Seelen-Mikroabbild der menschlichen Gesellschaft. Ein Buch müsste man darüber schreiben, sagte QQlka, als wir mit argem Kopfweh auf die finnische Grenze zuradelten. Und ich meine mich zu erinnern, dass sogar ein Film gedreht wurde, zehn fünfzehn Jahre später, über genau das Städtchen und wir, als wir es erfuhren, uns anschauten und sagten, da, sag‘ ich doch, ein Drehbuch. 

TinyPlanet  eines Coop Ladens , grün, blau, sphärisch Ich irre hin und her in Pajala. Beide Supermärkte haben offen, also kaufe ich fast schon aus Instinkt ein. Süßkartoffel, Karotten, ein Bier, der Münchner Radler schenkt mir eine halbe Flasche Pepsi. Auch das passt zu dem antipodischen Bild Europenner versus normaler Mensch: Es muss diese Süß-Imperialistenplörre sein, die da in die Fahrradflschen kommt, oder etwas isotonisches. Pures Wasser? Nä. Die Maschine hat unsere Gehirne in ihre Warenmechanismen integriert.

Meine Karotten, die ich ihm im Gegenzug anbiete, lehnt er ab.

Welten sind das, die hier aufeinander treffen.

Der moderne Mensch wird Kraft seiner Gesellschaft, in der er sich organisiert zwangsläufig korrumpiert, verseucht und krank gemacht, schießt es mir in den Sinn, obwohl das Bild doch sehr einfach ist und sehr pauschal.

Die Bar, in der alles begann, damals, hat einen neuen Besitzer. Svens Mietshaus suche ich eine Weile, finde es nicht. Es ist zu lange her. Ich überlege, ob ich mich nach ihm durchfragen soll: der, der die Jugend verdirbt, lebt der noch? Wo wohnt er? Wie geht es ihm?

In einem kleinen Park repariere ich den Fahrradschlauch, der vorgestern platt ging, lümmele rum. Seltsame Pfosten stehen im Kreis. Jemand hat oben auf einen von ihnen ‚Dildo‘ draufgeschrieben.

Diese Jugend aber auch verdorben bis zum Gehtnichtmehr.

Ich folge der Straße 99 nach Norden, anders, als 1995 auf der schwedischen Seite des Torneflusses. Eine sehr gute Wahl. An diesem Sonntag ist sie so gut wie leer und nun, da ich dies schreibe, montags früh, etwa 100 Meter abseits auf einem Rastplatz am Fluss, kann ich auch kaum Autos hören.

Unterwegs gibt es nicht viel zu sehen. Die Landschaft ist herrlich. Bestes Sonnenwetter. Man passiert die Struve-Meridianvermessung. Das müsste man mal per Suchfunktion recherchieren. Vor bald zweihundert Jahren hat Friedrich Struve hier im Tornedalen die Erde mittels Polygonabschnitten vermessen. Vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer gibt es – ich glaube – 235 Messpunkte auf Hügeln, alle miteinander in Sichtweite, in denen er Winkel und Entfernung bestimmte und somit die Erdkrümmung und die Breitengrade exakt errechnete. Etwa 35 dieser Struve-Meridians-Punkte sind bis heute erhalten und sogar in das Unesco Welterbe aufgenommen.

Spät erreiche ich das Dorf Kilhangi. Auch so ein Kleinod. Eigentlich folge ich nur einem Tankstellenschild, in der Hoffnung, dort meine Wasserflaschen auffüllen zu können und lande in einem Schmugglermuseum. Zumindest sagt ein Schild, dass es ein Schmugglermuseum ist. Tatsächlich jedoch ist das Haus, das auch Gemeinschaftshaus ist, vermietet. Der Mieter führt mich, barfüßig wie er ist, in eine Art Veranstaltungsraum mit Bühne und auf der Bühne gibt es tatsächlich einige Schmugglerutensilien: Sägen, Waldarbeiterzeugs, eine Art Kanister zum Feuer anschüren, und riesige uralte Kettensägen.

Ein paar Kilometer westlich am Schmugglerpfad gibt es eine Kaltwasserquelle, sagt der Mann, da müsstste mal Wasser holen! Das kälteste Wasser der Welt und er schüttelt sich dabei demonstrativ und ich kriege fast Lust, das Radel stehen zu lassen und loszulaufen auf dem alten Schmugglerpfad. Das Grab des Schmugglerkönigs, der irgendwann gestellt und erschossen wurde, ist auf einer Karte eingezeichnet, die an dem Haus angebracht ist.

Nun schon Kilometer weiter geradelt. Neben mir murmelt der Torne. Die Nacht war kalt. Ich zündete den Trangia an, um mich mal eine Viertelstunde aufzuwärmen. Jetzt brennt die Sonne, es ist heiß. Der Wind steht aus Süden.

5 Gedanken zu „Struve, Schmuggler, Tunichtgute #AnsKap“

    1. Ich denke, Sven ist vielleicht gestorben, Ülfen ist Oberst, die Spitzensportlerin vielleicht wieder in Stockholm und die verdorbene Jugend hat kleine Bauunternehmen gegründet, nen Computerladen eröffnet und manch einer mag in Svens Fußstapfen getreten sein.

  1. Zuerst: ein tolles Bild, das Coop-Bild!
    Dann: so klasse, wie du heute mit damals verwebst, beim Lesen sehe ich Bilder vor meinem geistigen Auge wachsen und ich denke an den finnischen Regisseur, dessen Name ich vergessen habe und seine Filme und denke an so vieles, immer, wenn ich dich lese. Danke fürs teilen, immer wieder eine Freude, hier im kühlen schwarzen Walde!
    liebe Grüsse und weiterhin Sonnenschein, Regen hattest du ja wahrlich genug auf deiner Tour ans Kap.
    Wie kommst du eigentlich zurück? Per Bahn? oder das Ganze rückwärts geradelt?
    ich grüsse dich herzlich und freue mich schon auf den nächsten Artikel, die nächsten Bilder!
    Ulli

    1. Tja. Zurück, Ulli. Da wäre die Variante per Bus, Fähre und wieder Bus. Da müsste ich am 23. vom Kap abreisen, weil dann der Bus zum letzten Mal nach Finnland fährt.
      Ich habe aber auch einen Billigflug ab Alta, der mir aber nicht behagt mit dem Radel. Fliegen beunruhigt mich auch.
      Wenn ich Zeit und Geld hätte würde ich zurück radeln.

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