Der Urmeter des Schwedenreisens #AnsKap

Frau SoSo erzählt mir irgendwas von 69 Kilometern, die es „sind“ von Ludvika bis nach Falun. Google habe das gesagt und sie zeigt mir stolz die Strecke auf dem winzigen Smartphonebildschirm. Ein kleiner, blauer Wurm, der sich zwischen zwei blauen Flecken windet. Die Flecken sind der Runnsee bei Falun und der Våsmansee, an dem Ludvika liegt. Dazwischen ist grünes Nichts.

Auf der GPS-Kit-App mit Open Cycle Map als Basiskarte sieht man die Radwege eingezeichnet als rote und blaue Linien, die alles andere tun, als der von Google vorgeschlagenen 69 Kilometer langen Strecke zu folgen.

Dennoch manifestiert sich diese Distanz in meinem Kopf. Zunächst gehts durch Ludvika am Våsman entlang nach Nordwesten. Auf einer alten Bahnstrecke durchschneidet der Weg Granit und Wälder, überbrückt Tümpel und Rinnsäler. Theoretisch könnte ich der Trasse folgen bis zum Ende des Sees und mich dort auf den Sverigeleden schwingen, der sich durch perfekte Beschilderung als Allheilmittel ruhigen Langstreckenradelns etabliert hat. Aber der Umweg ist mir denn doch zu groß.

Eine Abkürzung über Nebenstraßen scheint tauglich. Schnell stecke ich einige Punkte ab, um sie später anpeilen zu können.

Ich liebe es, ohne Kartengefummel und ohne ständiges aufs Handy schauen einfach so nach Schildern zu radeln. Und das hat bisher auch prima geklappt. Aber manchmal muss man eigene Wege gehen (sage dies mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und im Hinterkopf der Gedanke, immer geht man eigene Wege, auch dann, wenn man anderen Wegen folgt, denn der Weg wird durch seine Begehung zum eigenen Weg).

Waldwege. Das sind Waldwege, wie man sie im Pfälzer Wald oder im Schwarzwald hat, was der Herr Irgendlink da abgesteckt hat. Knapp 2,5 Meter breite Etwase, in der Mitte ein Streifen Grün, rechts und links nur Bäume. Ab und zu schimmert ein See durchs Dickicht. Ich radele durch eine enge, grüne Schlucht und bin heilfroh, dass ich mir die Abzweigepunkte auf dem GPS markiert habe. Hier dann links, der Höhenlinie folgen, zick-zack, Geradeaus und an der nächsten Abzweigung wieder rechts. Ist das die da? Ne? GPS rauskramen, nachschauen, ne, ich muss noch eine Fingerbreite weiterradeln. Huch, der Weg endet.

  
Tatsächlich hat meine Wunschabkürzungsroute in der Mitte ein Loch von etwa einem halben Kilometer, das ich bei der Grobansicht übersehen habe. Aber es führt ein zackiger Wanderweg über Stock und Stein. Ich muss schieben. Klettern. Früher hätte es mir in so einer Situation vielleicht die Kehle eingeschnürt. Allein im Wald. Diese Stille. Miserabler Handy-Empfang. Kein Internet. Einmal falsch auftreten, umknicken und dann liegst du da.

Der Pfad ist steil. Die Straße auf der anderen Seite dieses Wurmlochs, GPS sei dank, sichtlich nicht sehr weit.

Auf unserer Reise 1995 hätten wir diesen Weg nur durch Verirren finden können. Wir navigierten mit einer geschenkten Straßenkarte der Tankstellenkette OK, nicht sehr detailiert, aber tauglich. Fragten uns durch. Bloß hier? Hier gibt es niemanden, den man an einer Kreuzung fragen könnte, ob da oder da lang. Endlich wieder – nennen wir es Straße. Sie führt vorbei an einem See namens Krabbsjön. Der Sverigeleden ist irgendwo da im Norden. Es geht auf und ab. Ein Regenschauer jagt mich. Dann, plötzlich wieder Teer. Eine Hauptstraße gar für wenige Kilometer, bis es wieder ins Outback geht. Irgendwo steht ein Schild: Ludvika 35 Kilometer. Der Tacho zeigt schon fast 60. Ich bin dennoch froh, nicht über den kurzen Weg auf der Hauptstraße geradelt zu sein. Weitere zehn Kilometer später sehe ich wieder ein Schild: Ludvika 39 Kilometer. Standhaft bleiben, Irgendlink, stell dir einfach vor, LKW überholen dich knapp und ihr Winddruck beutelt dich hin und her, dann biste froh, hier zu sein. Es folgen Schotterpisten, Aufs und Abs, riesige Löcher zwischen winzigen Weilern, für die es nicht einmal genug Birken und Fichten gibt, um sie zu stopfen. Regenschauer immer wieder.

Ich frage mich, ob diese Strecke als Durchschnittsstrecke durchgeht, ob sie repräsentativ genug Schotterpisten, Steigungen und Gefälle hat und Regen und Gegenwind und all die Widrigkeiten, um als – sozusagen – Urmeter des Schwedenreisens zu gelten. Dann nämlich könnte ich den Zeitpunkt genau berechnen, an dem ich das Nordkap erreiche. Von Ludvika ist die Distanz nämlich verbrieft über den Sverigeleden berechenbar. Es gibt in dieser Breite nicht mehr allzuviele Alternativen, über die man radeln könnte. Noch 2300 Kilometer etwa sind es bis zum Kap (Genauer gesagt 2262,5, wenn man über Alta radelt und 2302,5 wenn man die Strecke durch Finnland über Karesuando radelt).

Exakt 2300,6 km stehen auch auf dem Tacho, als ich endlich bei dem Häuschen außerhalb Faluns einrolle, das Frau SoSo für eine Woche gemietet hat. Als hätte sie es geahnt, hat sie den Mittelpunkt der Reise ausfindig gemacht. Wenn das mal keine Intuition ist.

Dreiundzwanzig Gestern titele ich insgeheim für diesen Blogeintrag. Aber eigentlich klingt auch das mit dem Urmeter ganz gut.

4 Gedanken zu „Der Urmeter des Schwedenreisens #AnsKap“

  1. Ich mag es, wie du dieses Wegstück beschreibst. Ich fühle mich als Mitfahrerin und so warst du doch nicht wirklich und nicht ganz allein.
    Unheimlich ist es mir zuweilen aber, zugegeben, schon ein bisschen mir Funklöcher vorzustellen. Aber zugleich habe ich auch Vetrauen ins Leben. Und dass alles gut gehen wird.

  2. he jürgen, morgen sitze ich im flieger und nächste woche streife ich hoffentlich auf der suche nach kunstmäßigen orten durch new england. ich wünsche dir noch viele schöne tage und erlebnisse auf deinem trip zum nord kap.
    so long und guten reisewind
    hundefaenger krd

  3. Hi Jurgen… I have taken a couple of days camping in South west Scotland, but without the bike. This time I had my dog Harvey with me. There were no animals barking or grunting outside my tent on this occasion.
    Someone once said…“always follow the sign.“ I think this is the best advice I have ever heard.

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