Tessin – Wandern im Senkrechtkanton

Das Wandern im Tessin ist anders, als in der Deutschschweiz, konstatierte SoSo vorgestern. Die Wanderwege sind nicht mehr so dicht gesät, wie im Norden und auch die Beschilderung ist lückenhaft. Ständig in die Open Topo Karte auf dem Handy zu schauen ist auch nervig, kostet Strom. Der Traum vom Wanderweg durchs Centovalli westwärts nach Italien platzt spätestens in Verscio. Zusammenhängende Flusswanderwege gibt es hier offenbar nicht. Weiterlaufen würde sicher bedeuten, ab und zu über die kaum zwei Auto breite Via Cantonale zu wandern. Kein Gehweg. Auf der einen Seite Fels, auf der anderen Leitplanke. Ideal, um Wanderer zu zerquetschen, falls man mal verträumt durch die Gegend fährt. Das Sträßchen ist wunderschön und man kann beim besten Willen kaum schneller fahren, als sechzig. Ich erinnere mich des Hüslis meines Künstlerkollegen, des Col-Art Begründers Marc Kuhn. Ein fürs Tessin typisches Rustico mit Granitsteindach. Es liegt in einem Seitental des Maggiatals, gerade über den Berg bei unserem Lagerplatz in Verscio. Ein Anruf bei seinem Sohn, der das Hüsli nun verwaltet und wir dürfen auf der kleinen Zeltplatzwiese oberhalb hochoffiziell zelten. Es sei etwas heikel, im Maggiatal wild zu zelten, erzählten uns zwei Deutsche, richtig teuer könne das werden.
Von Verscio folgen wir dem Wanderweg serpentinös ins fünfhundert Meter höher gelegene Dunzio. Senkrechtwandern. Aussicht auf den Lago Maggiore und die Bucht von Ascona. Der Weg ist ein längliches Paradies über achtzig Zentimeter breite Steinplattenpfade, Treppen und Brücken. Kapelle auf etwa 450 Metern. Hie und da ein geeigneter Lagerplatz inklusive Trinkwasserbrunnen und steinerner Sitzgarnitur, so dass man Lust hätte, das Zelt aufzustellen und zu verweilen, die Füße im Bach zu kühlen. Gegen Dunzio ist das Tal geradezu „dicht“ besiedelt. Ferienrusticos, deren Versorgung mit schweren Gegenständen, wie etwa Rasenmähern mit einer schaukelnden Seilbahn möglich ist. Sogar eine Telefonzelle, allerdings ohne Telefon, steht wie verloren zwischen den Steinbuden und an einer Kastanienholztür hat jemand mit Kreide „Bar“ geschrieben. In Dunzio lesen wir auf einer Tafel über die Geschichte des Ortes, dass man sich über Winter fast ausschließlich von Kastanien ernährte; die Bäume stehen weit verteilt, uralt, ausgehölt, meterdick, Kastanienstacheln, Granitplatten, Ziegen. Man hat das ursprüngliche Tälchen liebevoll restauriert. Im Dorf wohnt vielleicht nur noch eine Familie dauerhaft, ein einziger einsamer Gemüsegarten und viele Rusticos, die von Residenten gekauft wurden. Am zentralen Parkplatz, von dem aus man zu Fuß zu den verstreut liegenden Häuschen laufen muss, stehen Autos aus der ganzen Schweiz. Kurz hinter Dunzio lockt ein Fußweg in ein flaches Wäldchen mit Kastanien, Buchen und Birken und einem über die Jahre gewachsenen weichen Waldboden, auf dem wir unser Zelt aufstellen. War die vorige Nacht am Onsernone schon sehr still, so war diese noch stiller. Kein Bach rauscht und die Maggiastraße liegt vierhundert Meter tiefer im Tal.
Bildcollage fünfzehnter Tag der Schweizwanderung, Freitag, 11. Juli 2014

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Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

2 Gedanken zu „Tessin – Wandern im Senkrechtkanton“

  1. gerade erinnere mich noch andere Geschichten, die vom Zündeln erzählen und von Häusern und Grundstücken, die aufgrund der Erbschaften verfallen, weil sie ganze Familienclans nicht einigen können, ich erinnere mich an zwei Männer mit Stöcken auf der Jagd nach Vipern und vielem, was mir manchmal die Schönheit der dortigen Landschaft vergällte …
    geht beschützt!

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