Fleisch soweit das Auge reisch

Die perfekte Schweiz! Aus der Sicht des Pfälzers, der in einer strukturschwachen Region lebt mit kleinen feinen Häuschen, denen man den beginnenden Zerfall ansieht, notdürftig geflickten Sträßchen, mäßig vermüllten Straßengräben mit Hang zu größeren Sperrmüllherden in unübersichtlichen Hohlwegen, muss einem das Land wie eine fein aufgeräumte, frisch gewienerte Puppenküche vorkommen.

Ein Sonntagsausflug zum Hallwylersee verstärkt dieses Gefühl vermutlich. Bei Sonne und en Passant wirkt fast jede Welt, zumindest in Europa, aufgeräumt, in Takt, schön. In den Baugebieten am Rande der kleinen Dörfchen, die es in dieser Gegend zu Hauf gibt, und die sich dicht an dicht liegen, wird gerade die letzte Ernte eingebracht. Vielerorts sieht man Stangen mit Wimpeln an der Spitze, die meist in Rechtecken aufgestellt sind. Ein Rätsel, diese Marken, bis mir SoSo erklärte, dass es sich um Baumarken handelt. So kann jeder sehen, wie die geplanten Gebäude an diesen Stellen aussehen werden, wieviel Schatten sie auf die Nachbarhäuser werfen, wie sehr sie sich den Grundstücksgrenzen nähern. Auf einem öffentlichen Parkplatz beim Wasserschloss Hallwyl, lösen wir ein Parkticket für fünf Stunden. Jeder Platz ist nummeriert. Im Automat muss man Nummer und geplante Parkzeit eingeben. Sechs Franken kostet uns Platz Nummer zweiunddreißig. Der Parkplatz ist ein in die grüne Wiese gestampftes Terrain. Man muss sich die Parkenden vorstellen wie Kühe, oder Weizen, wie ein Gut, das einen Ertrag erbringt. Früher, schwärme ich, war sowas umsonst und schon doziere ich über die zunehmende Monetarisierung der Welt und dass irgendwann alles Geld kosten wird und es kein einziges unbezahltes Ding mehr gibt, doch noch ehe ich anheben kann zu einer grotesken Rede, dass nun sogar schon die Luft Geld kostet, speisen wir uns ein in den Strom aus Sonntagsspaziergängern, die den schmalen Kieswegen diesseits und jenseits des Sees folgen, oft nur bekleidet mit Badezeug, Schlappen und Handtuch. Fleisch soweit das Auge reisch, so wird mein heutiger Blogeintrag lauten. Erstaunlich viele Badestellen flankieren den Seeuferweg, den ich kurzerhand in Säuferweg umtaufe. Für zwei Franken kauft SoSo ein Säckchen Kirschen, bezahlt brav, indem sie eine Münze in ein Glas wirft, das unverschlossen am Grundstückszaun hängt. Ein paar Kilometer weiter ist oberhalb eines Strandbads ein Fahrradparkplatz, auf dem erstaunlich viele, teils hochwertige Fahrräder gänzlich unverschlossen und unbeaufstichtigt parken. Natürlich gibt es auch abgeschlossene Fahrräder. Zum Ausgleich spinnen wir Krimistoff bis wir an eine Badestelle kommen, die nicht so überfüllt ist. Den Deutschen sieht man mir auf Meilen an, weil ich beim Schwimmen stets die Klamotten, Rucksäcke, in denen sich Geld, Kreditkarten und Handy verbergen im Auge behalte. Alle anderen scheine sorglos. Unschuldig treiben sie im warmen See. Mit der Fähre überqueren wir den See. Das Fahrkartenverkaufsteam kassiert nach dem Prinzip, wer will nochmal, wer hat noch nicht. Unmöglich können sie sich merken, wer von den dreißig vierzig Gästen schon bezahlt hat. Als die Beiden schon wieder im Bauch des Schiffes untertauchen, ruft von hinten eine Frau, sie und die gesamte Familie haben noch nicht bezahlt.

Eigentlich eine logische, gute Welt. Weitgehend in Ordnung. Was auf der Straße liegt, gehört eigentlich jemand anderem, singt schon Reggaerocker Oku. Was nicht dir gehört, gehört jemand anderem. Finger weg.

Auf den Wiesen auf der östlichen Millionärsseite des Sees stehen Verbotsschilder, die per Gerichtsbeschluss eine Strafe von hundert Franken ausloben, sollte man auf den nicht eingezäunten, frisch gemähten Arrealen direkt neben dem Wanderweg sein Badehandtuch auszubreiten. Am Hafen Delphin, scherzhaft sage ich, das Orakel von Delphi, steigen wir aus, passieren schon bald ein Arbeiter-Schwimmbad, etliche Wildbadestellen, gelangen zu einem Männerbad, in das nur Männer dürfen. Dem gegenüber liegt das Frauenbad, in das nur Frauen dürfen. Was ist der Unterschied, frage ich scherzhaft? Ins Männerbad kann man mit dem Motorrad reinfahren.

Die verflixte Parkuhr ist mittlerweile abgelaufen. Mein deutsches Schuldherz pocht. Wenn schon die Parkgebühren so drakonisch sind, wie hält es sich dann mit den Geldbußen. SoSo bleibt gelassen. Beginnt sinnfrei zu scherzen: Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? kontere ich. Weshalb, wenn nicht deshalb? Wozu, wenn nicht dazu? Wer, wenn nicht du? So ackern wir uns nach Schema F durchs Wortgebilde und SoSo setzt einen feinsinnigen Schlusspunkt mit: Wie, wenn nicht so?

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

5 Gedanken zu „Fleisch soweit das Auge reisch“

  1. so und so ist das wie immer die alles entscheidende frage, findet soso. toller text! die schweiz aus deinen augen weitet mein bild derselben immer wieder von neuem und macht mir bewusst, was doch für mich alles selbstverständlich ist.

    1. Ja. Und sogar uns Pfälzern geht es prächtig. Es gibt auch hier Orte, an denen man sein Radel nicht absperren muss. Ich denke, eine Gesellschaft neigt immer zu Strömungen, und die menscheigene Schwarmneigung verführt nur allzu gerne. Das heißt, wenn sich Dinge einbürgern, werden sie irgendwann als natürlich empfunden.

  2. ein großartiges Team seid ihr und ich liebe die Sicht der deutschen Augen auf die Schweiz und die schweizerischen Auge aufs deutsche Land- das weitet den Blick :)

    so, und nicht anders, wenigstens gerade jetzt …
    herzliche Grüße Ulli

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