Mach den Russenlimbo – Kratzen am Mythos 100er Bus

Wenn du wirklich etwas von der Stadt sehen willst, nimm den 100er Bus. Die Linie 100 fährt an allen Sehenswürdigkeiten Berlins vorbei.

Aber wenn du das tust, mach es nicht sonntags im Frühling mit Großbaustelle Unter den Linden und türkischem Kinderfest vor der amerikanischen Botschaft!
Siegessäule steigen wir ein. Hoffnungslos überfülltes doppelstöckiges Busding. Kein Wechselgeld mehr. Halbherzig sagt der Fahrer, wir sollen den nächsten nehmen, aber bevor wir aussteigen können, schließt er schon die Tür. Zockelt Richtung Reichstag, der  türkisches Kinderfestumleitung folgend, an etlichen Haltestellen Gäste ausspuckend, aufnehmend, nicht Geldwechseln könnend, die Nerven blank, als sich eine Gruppe Russen vom oberen Teil in den Eingangsbereich quetscht, damit sie rechtzeitig zwei drei Haltestellen weiter rauskommen. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Verstopft von Familie mit Kind und ein müder Junge sitzt auf der einzigen Wendeltreppe, die ins Oberdeck führt. Geradezu elegant eine Gruppe Franzosen, durchdrungen von den Russen, garniert mit müdem Kind. Charmant elegant schlängelt sich der Führer durch das Dickicht aus Menschen, dreißig Mal Pardon sagend, bis er draußen steht und nun zählt er seine Gruppe un deux troi und so weiter, stockt bei once, Fuß in die Tür, wo ist unser zwölfter? Busfahrer wahrt die Contenace, zwölf gehn raus, gefühlte dreißig gehn rein, keiner traut sich ins nunmehr fast leere obere Busteil. Weil man ja nicht mehr rauskommt. Eine Mutti beschimpft ihr rothaariges Kind, das zwischen den Russenbeinen vorbei am müden Bub schon fast die Wendeltreppe erklommen hat – was heißt hier beschimpfen – öffentlich demütigen tut sie ihr Kind, weil sie wie ein Leuchtturm in die Menschenmenge ruft und über den Buben redet, nicht mit ihm. Unter den Linden machen endlich Soso und ich den Russenlimbo – mit akrobatisch verrenkten Wirbelsäulen irgendwo durch zwischen Beinen, Armen und Bäuchen der Tourigruppe, die noch immer keine Anstalten macht, auszusteigen, ein Streifzug durch die kaputte deutsche Kleinfamilie und endlich sind wir wieder draussen aus dem 100er, der uns angeblich an allen Sehenswürdikeiten der Stadt vorbeigeschaukelt hat.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

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