Die glasklare Grenze zwischen Katze und Außenwelt

Wenn die Katze vom Sofa aufsteht und es bleibt mehr Katze auf dem Sofa, als wegläuft, wird endlich Frühling. Ich habe der langen Unterhose ewige Treue geschworen. Die Zugvögel fliegen – mit dem steifen Nordostwind Richtung Biskaya.

Ostersamstag kritzele ich einen Zettel mit Buchtiteln, komme auf zwanzig Stück, meist Bilderbücher. Seit ich auf den Digitalisierungstrichter gekommen bin, schöpfe ich Hoffnung, der Entropie, die zur Mitte des Lebens ein unheimliches Ausmaß annimmt, entgegen wirken zu können. Mir wird bewusst, dass nur Vergessen vorm Versinken im Chaos schützt. Vielleicht ist der Mensch gemacht, möglichst viel Unordnung zu machen? Im großen Weltgeschehen wie im Kleinen, bei sich zu Hause. Ab einem gewissen Lebensalter ist er nicht mehr in der Lage, Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Kraft schwindet. Ordnung braucht viel Kraft. Ich bemerke das bei verschiedenen Vorangehenden, deren Hausstand eine immense Größe erreicht hat und deren Dachböden und Keller, Garagen und Scheunen überquillen mit Gegenständen, die man ja nochmal gebrauchen könnte. Es sammeln sich im Lauf eines Menschenlebens mehr und mehr solcher könnte man mal noch Gebrauchens an, die allesamt gelagert und in langen Zeitabständen umgeschichtet und für ich hebs noch mal auf, man könnte es nochmal gebrauchen, erklärt werden. Somit enden die meisten Hausstände, ich will sie die zu Ende gebrachten Entropien nennen, irgendwann in einem noch größeren Chaos namens Müllcontainer, last exit Müllkippe. Einzig meine entfernten Verwandten, A. und E., die ein riesiges, einsames Gehöft besaßen, hatten auf dem Gelände eine geradezu unheimliche Ordnung. Es gab keine überflüssigen Gegenstände und alles lag akkurat sortiert. Wenn es sich um Landmaschinen handelte, standen sie sauber und frisch gewartet. Die beiden Leutchen starben in hohem Alter und hinterließen sowohl im Materiellen, als auch im Verwalterischen alles bis aufs Kleinste geordnet.

Das ist unheimlich, vor allem, wenn man das eigene, immer größer werdende Lebenschaos ansieht.

Ich glaube, mit Daten und Kunst verhält es sich genau wie mit Gegenständen, Versicherungsverträgen und Testamenten. Wenn man nicht permanent Energie in die Pflege investiert, gerät alles aus dem Ruder. Mit der Nordseeumrundung im letzten Jahr habe ich etwa so viele Fotos gemacht, wie seit 1995 bis dahin. Was bleibt, ist die Datenmenge in Ordnern zu sortieren und auf diversen Festplatten zu sichern. An Ordnung ist nicht zu denken, wenn man solche Datenmenegen erzeugt. Hier kommt die Macht der Prozesse ins Spiel. Man muss wissen, wie man den unaufhaltsamen Strom an Neuem so gut wie möglich organisiert. Eine äußerst interessante Arbeit, die man zur Versinnbildlichung mal auf sein materielles Leben anwenden könnte (sei es nur, dass man sich angewöhnt, Teller, die man geschenkt bekommt, in den Küchenschrank zu stellen und eine entsprechende Anzahl von Tellern aus dem Küchenschrank auf den Dachboden zu bringen). Somit ist die Sortierung von Kunstfotos in PDF-Büchern eine Art Aufräumarbeit, die ich derzeit tätige, stets im Focus, in naher Zukunft mehr Gegenwart zu leben.

Mit „Readymade“, welches ich in Kürze hier präsentieren werde, ist ein 180 Seiten dickes Buch entstanden, welches zudem richtungsweisend ist für den Prozess, den ich in Gang gesetzt habe. Auch wenn es utopisch ist, das Buch zu drucken, es müsste kostendeckend über sechzig Euro kosten, ist dennoch ein Schritt in Richtung Ordnung getan.

Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht geschehen Ordnung und Chaos auch zyklisch, sind wechselwirkende Daseinszustände, ähnlich wie bei Katzen: im Frühling verliert sie so viele Haare, dass man nicht ausmachen kann, ob sie noch auf dem Sofa liegt, wenn sie es verlässt. Im Winter verharrt sie wochenlang scheinbar reglos auf dem Sofa und die Grenze zwischen Außenwelt und Katze ist glasklar.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

3 Gedanken zu „Die glasklare Grenze zwischen Katze und Außenwelt“

  1. hach … ich freu mich über dein readymade und alle deine bücher, die noch kommen werden. danke für dieses essay zum thema zerfall … was du ja paradoxerweise im werk „readymade“ dokumentierst und somit festhälst und vor dem zerfal rettest …

    du bist der nachwelt zuvorgekommen … *grins*

  2. Ach ja, ich habe auch Probleme mit zu vielen Sachen. Kannst aber mal schauen, ob Du Samstag eine Sendung über den Preis von Monika im SWRRundfunk findest, das Hören macht auch keinen Müll.

  3. Wenn mehr Katze auf dem Sofa bleibt, als wegläuft wird es Frühling? Wer sagt das? *g*

    Bei mir ist demnach schon lange Frühling. So viel Katze, wie ich in den vergangenen Wochen schon vom Sofa zusammengekratzt habe, habe ich gar nicht. *bg*

    Wenn du eine optimale Lösung für den Krempel gefunden hast, der sich so ansammelt und den man möglicherweise noch mal gebrauchen kann, sagst du es mir dann? Ich habe auch zu viel davon und noch kein ordentliches Ablagesystem gefunden. Und das betrifft nicht nur den Datenkrempel, dieses Phänomen kriecht aus allen verschlossenen (Schrank-)Türen.

    Hoffen und wünschen wir, dass es ein zyklisches Phänomen ist und dass nach dem Chaos wieder Ordnung folgt.

    Liebe Grüße, Szintilla

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.