Landkarten, Konsumentenlandkarten und andere KaRlamitäten

Vor kurzem, wahrscheinlich bei Arte aufgeschnappt: ein Bericht über die Geschichte der Kartenmalerei. Die ersten Karten der bekannten Welt wurden gezeigt. Und eine abstrakte Karte des römischen Reiches, die eher einem U-Bahn-Karten-Schema ähnelte, als dass sie die „wirkliche“ Gestalt des römischen Reichs abbildete.

Heute ist die gesamte Erde kartografisch erfasst und man kann sie sich in Form von Satellitenbildern anschauen. Es scheint, als gäbe es auf dem Sektor nichts mehr zu tun.

Wirklich nicht?

Eine Karte der Zusammenhänge wird entstehen – entsteht permanent. Sei es rein kapitalorientiert, dass Nutzerprofile kartografisch von insgeheim arbeitenden Algorithmen errechnet werden, sei es, dass die großen Such- und Kaufmaschinen im Netz eine gigantische Menschen-, ähm, Konsumentenlandkarte anlegen.

Das ist unheimlich!

Monsieur Irgendlink, moi même, hat begonnen, sich an den herkömmlichen Landkarten der Erde zu langweilen und kartografiert derzeit auf dilletantisch-herzliche Weise die Blogosphäre. Eine Küstenline wohlgesonnener Blogs will ich zeichnen. Auf dem Schreibtisch liegt eine Liste, auf die ich meine Lieblingsblogs schreibe. Hinter jedem Namen steckt ein Menschenleben, das sich mal mehr, mal weniger intensiv in der Blogwelt zeigt.

Natürlich rattert das Künstlerhirn. Was tun mit einer Liste interessanter Blogs, die seltsam zusammenhanglos auf ein Stück kariertes Papier gekritzelt sind? Das Leben ist nur ein Verbinde-die-Punkte-Spiel. Habe ich endlich den Seeweg ins binäre Indien gefunden?

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

24 Gedanken zu „Landkarten, Konsumentenlandkarten und andere KaRlamitäten“

  1. Wow. Klasse Idee. Geboren aus Schnee. Mach den Engel und dann die Karte…Auf einem Seminar sollten sich die Teilnehmer, die sich nicht kannten, auf eine gedachte Deutschland-Karte stellen. Geburtstorte zeigend. Nur eine stellte sich ganz weit außerhalb hin. Polen. Zwei knubbelten sich auf Kaiserslautern, drei auf Speyer. Ich stand tatenlos im mittleren Norden rum.
    Wird das bei Dir so ähnlich?
    Gruß von Sonja

    1. Kolumbus war ja auch ein armer Tropf. Er glaubte tatsächlich Indien gefunden zu haben, als er die ersten Küstenlinien zeichnete. Letztlich sind wir doch alle ziemlich blind und erst, wenn wir mit der Nase draufstoßen, werden uns die Dinge bewusst.

  2. Ihr Lieben, vor einiger Zeit hatte ich eine Blogkarte im Netz gefunden, in die man sich (theoretisch) eintragen konnte. Leider waren da nur Anwaltsblogs und tote Links drinne. Eine Karte der Blogosphäre zu zeichnen wird wahrscheinlich ein don-quichotteskes Unterfangen. Ein ständig in Bewegung seiendes Ding, in der die Blogs kommen und gehen – da ist bestenfalls eine Zustandsbeschreibung möglich. Ein Schnappschuss der Blogosphäre in ihrer jeweiligen Zeit.
    Dennoch arbeite ich fleißig an meiner Skizze. Von vielen Blogs weiß ich, wo die Schreibenden herkommen. Manche sind unbekannt. Wenn ich es irgend hinkriege, will ich demnächst durch die Blogosphäre radeln oder wandern und die Leute persönlich besuchen. Nur so ist eine Landkarte machbar. Daher bin ich auch um jeden Tipp dankbar für interessante literarische, künstlerische, witzige, informative, regelmäßig geführte, eigeninhaltliche Blogs. Reine Werbeblogs sind excluded. Der mit viel Herzblut inhaberIngeführte ganz normale Alltagsblog ist mein Ziel. Als Mensch wie Du und Ich möchte ich Menschen wie Dich und mich besuchen, hie und da einen Kaffee trinken, dort und jenerorts im Vorgarten zelten, Geschichten mitnehmen, ein Kurzportrait, ein Link und was auch immer – für ein Butterbrot wirst du dich beflecken. Die Karte ist im Entstehen. Sie wächst mit jedem Link, dem ich folge, mit jedem beherzten Kommentar, den Ihr hier schreibt.

  3. Hört sich spannend an.
    Aber, aber hallo, bei der Kartografie gibt es noch riesige ungelöste Probleme, nämlich die der Projektionen. Ich deutete das ja mal auf meinen Blog zu Mercator an. Wie kann man eine Karte herstellen, auf der Gestalt und Entfernung zugleich stimmen, um nur ein Problem zu nennen. Abweichend von der gewohnten Mercatorprojektion gibt es andere Lösungsversuche, die aber stets nur für kleine Ausschnitte gelten (wie die Mercatorprojektion auch). Wer sagt denn, dass die Erdoberfläche vollständig karthografiert ist? Weit gefehlt! Als ich auf einer Expedition mit anderen in NO-Grönland Küsten kartierte, wichen diese realen Katierungen von den vagen Satellitenbildern enorm ab. Also, gerade auf dem Gebiet der Kartografie unserer Erdoberfläche gibt es noch viel zu tun, sehr viel.
    Nur mal als kleiner Hinweis.
    Ganz liebe Grüße aus Nord Norfolk
    Klausbernd

  4. Lieber Klausbernd, Du hast ja so recht. Ich weiß nicht, ob es jemals möglich ist, die Erde exakt zu kartografieren. Alleine schon die Kontinentaldrift macht in den Jahrmillionen letztlich alles zu Nichte. Somit kann man auch bei den echten Landkarten nur von einer Zustandsbeschreibung, einem Schnappschuss eines tausendjährigen Augenblicks reden. Besonders verblüfft war ich übrigens, als ich bei meiner Nordseerunde die Insel Nordstrand besuchte. Vor zwanzig Jahren war ich schon einmal da. Es führte ein Damm hinüber. 2012 konnte ich am Deich entlang eines riesigen Naturschutzgebiets radeln und die Insel hatte ihren Inselcharakter gänzlich verloren, weil nun das Watt eingedeicht war und zu Festland geworden ist.
    Eine Karte der Blogosphäre wird wahrlich bizarr – natürlich lassen sich die meisten Bloggenden örtlich auf einer echten Karte einzeichnen und man könnte so etwas wie eine Projektion machen, aber es geht um mehr. Es geht um Themen, um Spuren, die wir hinterlassen, es geht um das Gebilde Blog ansich, das (noch, zum Glück) und erstmals ein Medium ist, bei denen viele mitmachen können, bei dem die Produktionsmittel in freien Händen liegen und bei dem jede Meinung zählen darf. Ich spüre schon Tendenzen, dass sich das ändert.
    Der Schockwellenreiter hatte 2002 einen interessanten Artikel verfasst, eine Archäologie des Bloggens: http://www.schockwellenreiter.de/categories/medien/artikel/archaeologie.html. Über zehn Jahre ist das her.

    1. das ist ein klasse artikel, den du da verlinkt hast!

      ich zitiere: „Wie beim Abenteuerspiel weiß der Leser eines Weblogs nie richtig, auf was er sich einläßt. Der Link kann ernsthaft gemeint sein, spaßig oder bewusst in die Irre führen. Im Gegensatz zur traditionellen Presse trauen Weblogger ihren Lesern eine große Medienkompetenz zu, in anderen Worten: Weblogautoren halten ihre Leser für mindestens so schlau, wie sie selber sind.“

      1. „mindestens so schlau, wie sie selber sind“ ist meines Erachtens der Kernpunkt. Bei meiner Arbeit für die örtliche Tageszeitung musste ich immer versuchen, einen „Wissensvorsprung“ zu erlangen. Widerlich. Hierarchisch, kaiserlich, konservativ, undemokratisch. Innerhalb jedes Artikels für die Tageszeitung war es ein Wettrennen, den Wissensvorsprung mittels Webrecherechen zu gewinnen. Immer ist es gelungen. Aber so läuft es: Wettrennen, bluffen, andern etwas vormachen, unecht sein, hoffen, dass man damit durchkommt – für diejenigen die es tun, hoffen: Ihr kommt damit durch, keine Sorge.

      1. Klasse Tool, Petra. Auch Emil hatte einen tollen Tipp, der aber den Aufbau des eigenen Blogs darstellt. Das was ich einst gefunden habe, muss ich nochmal nachschlagen. Es war eine echte Googlemap, in der mit Bömbeln die Blogs eingezeichnet waren – Blogger in Deiner Nähe

  5. Wenn’s der Kartographie dienlich ist: Vorgarten hab ich zwar keinen, aber Betten, Bad und Butterbrot. Und eine Blogrolle, die ich gern kartographiert sähe!
    Mich würden ja vor allem die Verbindungen zwischen den Bömpeln interessieren.

    1. Die drei großen B des modernen Liveschreibens! Die Verbindungen sehen momentan so aus: einmal rund um den deutschsprachigen Raum gegen den Uhrzeigersinn, mit Abstechern nach Südfrankreich, Texas und Norfolk :-). Das Labyrinth der Blogger. Oder ist es ein Fraktal? Der nächste Schritt ist in der Tat die Kartographierung anderer Bloglisten. Über allem gaukelt ein gerüttelt Maß Zufall. Die Bloglandkarte habe ich wieder gefunden. Die Kartografierung hat Sascha leider eingestellt, wegen zu viel händischer Arbeit – und ich habe der Sache unrecht getan: es sind einige höchst interessante Blogs darinnen. Nur ist es schwer, sie zu finden. Hier der Link zur Landkarte von Sascha auf gesichtet.net – http://gesichtet.net/blogger-in-deiner-naehe/ (es finden zur Zeit keine Neuaufnahmen in die Karte statt).

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