Perpetuum blogile

Der Sturm hat sich gelegt. Die Bäume stehen wieder gerade. Nebel. Im Schneidersitz hocke ich im Bett vor der Bluetooth-Tastatur. Wartungsarbeiten: Blogsoftware neu installiert. Nun funktioniert der Kommentarabruf wieder, meine seltsame Nabelschnur zur weltweiten Kommunikation. Für die Reisemoral ist es ungemein wichtig, sich verbunden zu fühlen. Mit SoSo natürlich per Telefon.

Gestern Abend schaue ich mir das Blog an, das mich überhaupt auf die Idee gebracht hat, um die Nordsee zu radeln. Vor fast genau einem Jahr habe ich Michael Meierhoffs Nordseeradler-Blog entdeckt. Er ist von Norddeutschland über Niederlande nach England gekommen, hatte in Sunderland auch etwa 2000 km auf dem Kasten. Ich lese seinen Teil fünf des live geschriebenen Blogs. Finde mich wieder. Stelle fest: so außergewöhnlich abartig und von der Norm abweichend ist das Wetter gar nicht. Auch Michael hatte zu kämpfen mit Kälte, vernagelten B&Bs, Regen. Seine Tagesetappen, allesamt um achtzig, neunzig Kilometer, sind exorbitant. Er hat siebzehn Tage bis zum Flugplatz auf den Shetlands gebraucht, drei Tage bis Edinburgh. In Inverness sollte ich einen 14er Schlüssel kaufen, um die Pedalen abmontieren zu können, falls ich fliegen möchte. Und den Flug sollte ich kurz vor der Überfahrt zu den Orkney-Inseln buchen. Die Shetlandfähre fährt offenbar nur zwei Mal wöchentlich. Hey, danke Micha! Was mich am meisten beschäftigt ist: wie ist er mit dem monatelangen Alleinsein umgegangen? Wo ist sein Antrieb?

Im Glasmuseum gab es in der Sonderausstellung ein Artefakt zu sehen, das wie eine Aladinische Wunderlampe aussah. Ein Gefäß aus Glas, etwa so groß wie ein Handball, aus dessen Boden ein sich verjüngender Tubus, gebogen wie ein Schwanenhals, herausführte und dessen Ende über dem nach oben offenen Gefäß endete. In einer Videoinstallation fließt das Wasser in dem Gefäß kontinuierlich durch den Schwanenhals ab, und wird im immer enger werdenden Tubus nach Oben gesaugt, um sich erneut in das Gefäß zu ergießen. Das Perpetuum mobile!

„Between No Such Place“ von Scott Rogers. 2011.

Sofort muss ich an Eschers Treppenbild denken, jene grafische Darstellung einer auf den Zinnen einer Burg laufenden, in sich geschlossenen Treppe, die stets nach oben zu führen scheint und doch nur im Kreis führt. Am Ende ein neuer Anfang. So heißt ein Buch aus den 80er Jahren, das die Entstehung des Weltalls (also die Entstehung von allem, von uns, von jedem Atom und jeder Idee) aus dem Nichts erklären wollte. Wir kommen aus dem Nichts und wir gehen ins Nichts. Und es steckt ein unerklärter Impuls dahinter, der die Dinge erst einmal anstößt, um sie lebendig zu machen.

Schon wieder fange ich an, dieses krude Gedankenzeug auszubreiten, dem man nur schwer folgen kann. Aber hey, verflixt, ich habe das Gefühl, es gehört irgendwie hier her. Ich verstehe es ja selbst nicht richtig, deshalb ziehe ich die Bilder heran.

Was treibt uns an, uns Nordseeumradler. Bei Michael habe ich letztes Jahr fasziniert beobachtet, wie er einfach so, ohne jegliche offenkundige Mission, quasi um der Sache selbst willen die (Tor)Tour gemeistert hat. Oft habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt könnte. Ist es der Wettkampf mit sich selbst (übrigens auch ein in sich geschlossenes Kräftesystem), aus dem man trickhaft ein bisschen überschüssige Energie abzweigt? Der Wille, sich sagen zu können, ja, ich habs geschafft, ich bin einer von Wenigen, die die Runde überstanden haben? Er alleine würde nicht genügen, um mich rund zu bringen. Bei mir ist es sicher die „Mission“, die Kunst, das Schreiben, das Kritzeln am selbst erdachten Onlineprojekt, das bisher ganz wunderbare Begegnungen, Reblogs, Blogerweiterungen gebracht hat.

Siehe Emils aktueller Beitrag über den vor wenigen Tagen erfundenen Knildnegri (Emil, Danke für den schönen Anagramm-Namen Lind Kernig).
>>> http://deremil.wordpress.com/2012/04/30/lind-kernig-01/

Selbst mit der „Mission“ am Bein fällt es mir schwer, wenn ich nun aus dem Fenster schaue – Möwen kreischen, Nebelhorn, Kälte – und mir vorstelle, schon in zwei Stunden wieder da draußen zu radeln. Die Strecke sei sehr schön, schreibt Michael.

(sanft redigiert, bebildert, mit Links bestückt von Sofasophia)

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

3 Gedanken zu „Perpetuum blogile“

  1. witzig, micha war vor einem jahr am 29. april in sunderland, wie du :-)
    )

    dass ich den text klasse finde, hab ich dir schon am telefon gesagt. hat mich zum forschen nach einem alten gedicht inspiriert, das ich vorhin gebloggt habe :-)

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