Urlaub, ein zähes Ringen

Es ist ein Affront, wenn man in einer Veranstaltungstechnik-Firma arbeitet und einen Urlaubsantrag für sechs Wochen einreicht. Eigentlich ist es schon frech, überhaupt Urlaub zu beantragen. Nicht von ungefähr hängt am Papierschredder neben dem Schreibtisch des Owners ein laminierter Zettel mit der Aufschrift „Urlaubsanträge bitte hier einwerfen.“

Nur so zum Spaß habe ich einen Urlaubsantrag für sechs Wochen ausgefüllt, ihn dem Owner auf den Schreibtsich gelegt, sodann mit Kollege T. eine tollkühne Wette abgeschlossen: wenn er genehmigt wird, musss T. mir ein Grillfest mit Steaks organisieren und einer Kiste besten Weizenbiers. Wird er nicht genehmigt, spendiere ich das Fest. Die Tackerbübchenrechnung war so einfach wie tollkühn. Erstens wollten wir beide die Gesichter sehen des Owners und der Bürobelegschaft und all der anderen Kollegen. Nie hat jemand sich so etwas getraut. Andererseits liebäugelte ich damit, den Camino Frances (richtigrum) zu laufen, weil ich zu viel Kerkeling-Hörbbuch gelauscht habe. Würde der Antrag genehmigt, könnte ich das tun. Würde er nicht genehmigt, bliebe mir die Strapaze erspart. Beides hat Vorzüge.

Der Owner ließ mir den Antrag wieder zukommen mit einer Postit-Notiz, Bitte um Rücksprache. Die Rücksprache war orakulös; seine Verhandlungsbasis sind zwei Wochen. Das hat es in der Firma auch schon lange nicht mehr gegeben. Nun überlegt Kollege T., einen Urlaubsantrag für neun Wochen zu stellen.

Lohnpilgertum

Diese alltägliche Runde mit dem Fahrrad. Ich nenne es Lohnpilgern. Oh ewiges Rund des täglichen Einerlei – ich grüße jeden Baum, jede Pferdekoppel, den Bäckerladen natürlich und auch eine Schar Hundegassiegänger, die mir vier Männchen/Frauchen- und Hundchen-stark alltäglich begegnen. Die Pastellierung der Welt dieser Tage gibt Anlass über das Zuviel an Farben nachzudenken. Wie gezuckert senken sich die Dächer des Dörfchens K. in einer Mulde, jeden Tag das gleiche Bild; fahl stehen die Schlote und weißer Dampf versickert im Himmel. Der wohl härteste Abschnitt meines Arbeitswegs ist das Stück hinunter ins Tal bis nach K. Etwa 100 Höhenmeter bei der Kälte mit dem Fahrrad sind kein Spaß. Von rechts kämpft sich Sonne durch den Hochnebel. Die Landschaft, ihrer Farben beraubt, bringt mich mit den bunten reflektierenden Warnklamotten voll zur Geltung.

Pastellierung muss sein, um etwas anderes, wichtigeres hervorzuheben. Wären Bäume, Pferdekoppel und der Bäckerladen grellbunt, so würde man mich vielleicht übersehen?

Auf dem 15-km Weg zur Arbeit komme ich auf seltsame Gedanken. Zum Beispiel, dass der Mensch ungleich länger tot ist, bzw. nicht geboren, als er lebt. Ich grüße die vier Hundchenbesitzer. Dann fabuliere ich: „Scheue dich nicht, die Vergangenheit zu fälschen, fälscht sie sich doch sowieso ganz von selbst. Sobald du die Hundchenleute passiert hast, wirst du dich kaum noch erinnern, was für Kleider sie getragen haben, ob der Mann einen Bart hatte und die Frau mit den langen Haaren eine Brille trug. Wenn man dich fragen würde, würdest du unweigerlich falsche Angaben machen, weil du nicht genau hingesehen hast. Was aber würde das bedeuten, wenn du die Geschichte von den vier Herrchen und Frauchen aufschreiben würdest? Du könntest sie nicht wahrheitsgetreu aufschreiben. Das wäre auch gar nicht wichtig, den Lesern wäre es einerlei, ob der Mann einen Bart hatte und einen Retriever, oder ob er einen Buckel hatte und sein Hund ein Pudel ist.“

Die Hundchenbesitzer lachten, weil wir uns täglich an ähnlicher Stelle begegnen. Ich glaube, anfangs hielten sie mich für einen Bettler, bis ich durch regelmäßiges Vorbeifahren zur gleichen Zeit an gleicher Stelle in ihrer Vorstellung zum Pendler mutierte, der auf dem Weg zu irgendeiner Arbeit ist.

Dass ich Lohnpilger bin und bußfertig für mein materielles Seelenheil diesen Weg gehe, können sie nicht ahnen. In der Tat ist der Weg zur Arbeit eine spirituelle Angelegenheit geworden. Ich habe mich dermaßen an Kälte und Wind gewöhnt und an die körperlichen Strapazen, dass es mir gar nicht mehr auffällt. Es ist die natürlichste Sache der Welt, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Früher hätte ich mich dafür geschämt, denn man fällt ja schon auf, bei der Kälte zu radeln.

Heute weiß ich: Wenn es dir nicht egal sein kann, was deine Mitmenschen über dich denken, dann hast du dein Leben versaut.

„Du weißt ja: im Vergleich zum Nichtgeborensein und zum Totsein ist das Leben eine verschwindend kleine Zeitspanne. Tue also gut daran, Spaß am Leben zu haben.“