Lass mich dein Sklave sein

Wie versprochen nun die Sklavengeschichte, welche auch einen guten Einblick gibt in Herrn Irgendlinks Arbeit als Lohntacker. Ich wage mich weit über den Arbeitsweg hinaus, hinein in die Arbeit, über die ich eigentlich nicht berichten will.

Aber es begibt sich, dass der Chef, liebevoll nennen wir ihn Chiefmaster, ab und zu Führungen durch seine Firma macht. Meist irgendwelche Kunden mit Anzügen, schönen Kleidern, Zierhunden und mords Parfüm in den Achselhöhlen. Das Problem ist: der einzige Ort, der wirklich spannend ist in der Firma ist unsere Tackerwerkstatt mit den vielen bunten Möbeln. Hier passiert immer etwas, hier ist Bewegung, Action wie man so schön sagt und wir Tacker sind ausgesprochen verruchte Wesen, der maskulin archaische Gegenpol zu Show, Glamour und Wohlschniegelei.

Natürlich läuft Musik in der Tackerwerkstatt. Einst war Besuch angekündigt, Chiefmaster hatte extra Bescheid gesagt, damit wir aufräumen und es trotzdem noch so richtig nach Arbeit aussieht. Zwei Agentinnen eines großen Konzerns liebäugelten mit einem Megaauftrag. Also inszenierten T. und ich die Werkstatt bis ins Detail. Fertige Möbel wurden wie ungefähr auf Tischen drappiert, der Boden bis aufs Feinste gefegt und wir choreographierten unseren Auftritt als Lohntacker bis ins Feinste. Alles musste stimmen, jede Bewegung sitzen und damit sich Chiefmaster und die Agentinnen auch wohl fühlen würden, durfte während ihrer Anwesenheit keine einzige Tackernadel geballert werden. Die sind ziemlich laut. Aber es gibt genug stille Arbeiten. Besonders attraktiv ist das Beziehen von kleinen Lederhockern, wobei man schön mit den Muskeln spielen kann. T. setzte dem Schauspiel die Krone auf, indem er im Tackerradio Beethovens Neunte auflegte.

Der Besuch war natürlich ein grandioser Erfolg, auch wenn sich die Agentinnen als Zicken entpuppten.

Eine andere Szene war diese: unangekündigter Besuch von einer Arbeitsvermittlerin im Schlepptau mit einer potentiellen neuen Mitarbeiterin. Gerade läuft im Tackerradio der Ärzte-Hit: „Bitte bitte lass mich dein Sklave sein“, da schneit Chiefmaster herein, stemmt die Hände in die Hüfte und sagt: „Das könnt ihr haben!“

Schlagfertig wende ich mich grinsend an die Arbeitsvermittlerin und sage: „Sehen sie! So ist er. Und wenn ich ihnen etwas verraten darf, das ist das einzige Lied, das wir hören dürfen. Tagein tagaus immer das gleiche Lied.“

Ab und zu machen wir uns einen Spaß und legen in den Korpus eines Ledermöbels kleine Zettel mit der Aufschrift: Hilfe! Ich bin in einer Tackerwerkstatt gefangen.

Die Schneiderin, die uns den Stoff zum beziehen der Möbel liefert hat einen ähnlichen Humor: Hilfe! Ich bin in einer Schneiderwerkstatt gefangen, fand ich kürzlich mit Bleistift auf die Rückseite eines Bezuges gekritzelt.

Ihr seht, das Leben als Lohntacker ist nicht übel, wenn es auch manchmal etwas hektisch ist (z. B. Feierabend heute 19 Uhr).

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

5 Gedanken zu „Lass mich dein Sklave sein“

  1. @ Soulsnatcher, wir haben es getan, ganz ehrlich … und Heute wollten wir es wieder tun, aber Chiefmaster, den wir seit 18 Uhr Owner nennen, hat gesagt, es sei nicht nötig. Diesmal brachte er vier Männer mit.
    @ Wildgans, eigentlich wollte ich ja gar nicht ins Detail gehen, wir hatten uns so viel Mühe gemacht und alles schön zurecht gerückt. Trotzdem gab es Lästiges: z.B., dass der Mustersessel, den wir gebaut hatten, nicht der Farbe des Produkts entspricht.

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