Das Zweitleben des Herrn Irgendlink oder: Ich weiß wie du deine Nächte verbringst

Herr Irgendlink war mal wieder für die Zeitung unterwegs und ist dabei auf eine Party geraten, auf der sich die bizarrsten Menschen weit und breit tummelten. Es hat ihm ausgesprochen gut gefallen und er erwägt, sich mit dem Tacker selbst zu piercen und ein paar Tattoos zuzulegen. Hier sein Artikel noch bevor er in der Zeitung steht.

Titel: Von Zweibrücken in die Dunkelheit

Untertitel: Klang-Generator-Festival lockt illustres Publikum in eine künstliche Unterwelt

Die Welt, wie wir Menschen sie wahrnehmen scheint auf den ersten Blick stets wohlgefügt, wie durch das Objektiv einer Kamera betrachtet. Sie ist gerahmt vom dunklen Unbekannten. Erst wenn sich eine Mehrheit darauf einigt, dass zum Beispiel eine Wand gelb ist, ist sie wirklich gelb. Doch der Schein trügt, denn im steten Galopp ändert sich unsere Umwelt so rasant, dass wir manchmal verblüfft vor einem vermeintlich bekannten Ort stehen und uns fragen: Was geht hier vor?

So geschehen letzten Samstag in der Zweibrücker Studentenkneipe Plan B, welche sich versteckt hinter dem Campus am Ende der Texasstraße befindet. Vier „Bands“ hatte Organisator Thomas Steuer eingeladen für ein Experiment, in den Tiefen der Westpfalz mal etwas Neues auszuprobieren und Industrial-Musik, die man sonst nur im Rhein-Main-Gebiet, Saarbrücken und Kaiserslautern zu hören kriegt, einem ebenso illustren wie „dunklen“ Publikum zu präsentieren.

Erkennt man die Kneipe normalerweise an den hell erleuchteten Fenstern, so war an diesem Abend ein guter Tastsinn gefragt, denn die pastell-gelben Wände und auch die Fenster waren mit schwarzem Stoff verhängt. Außen erinnerte nur noch das neonbeleuchtete Plan-B-Schild an das was einmal war. Auf der Bühne flimmerten Stroboskop und Schwarzlicht und die Gäste lösten sich erst kurz bevor man ihnen Aug in Aug gegenüber stand aus dem Dunkel. Halbmond rundete die dunkle Atmosphäre ab. Neben DJ AZ’s Trümmerfeld aus Kaiserslautern, Kaos-Frequenz aus Saarbrücken und dem Darmstädter Duo Novastorm war auch der kanadische Dark-Elektro Musiker Glenn Love zu Gast, um Zweibrücken in die Dunkelheit zu führen. Industrial als Musikrichtung blickt auf eine gut 30-jährige Geschichte zurück. Mit Beginn der Elektronisierung von Klängen regten die damals neuartigen Instrumente ganz natürlich die Phantasie von Künstlern an. Man suchte nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, um zu provozieren und verwendete altbekannte Instrumente vollkommen unkonventionell, wie etwa der US-Amerikaner Boyd Rice, indem er einen Ventilator an eine Gitarre schraubte zwecks Betätigung der Saiten und somit einen bizarren Lärm-, pardon, Klangeffekt erzielte. Der Berliner Künstler CoCaspar hingegen benutzt Staubsauger als tragende Elemente für seine Klangperformances und begibt sich hin und wieder in gigantische skandinavische Erdöltanks aus dem Zweiten Weltrieg, um seine Musik mit hämmernden Klängen zu bereichern.

Unsere vier Klang Generatoren mussten sich leider auf die kleine Bühne im beschaulichen Campus beschränken. Doch auch dort geriet die Provokation zur Normalität mit Titeln wie 9000 Watt oder Destruction, untermalt von elektronisch verzerrtem Gesang. Sicherlich für den Normalbürger ein wenig angsteinflößend mag das Spektakel gewirkt haben, oder etwa nicht? Das Publikum hüllte sich beinahe unsiono in Schwarz, garniert mit bizarren Accessoires, Lackkleidern und haushohen Schuhen, nicht zu vergessen Metall und Tattoos an allen nur erdenklichen Körperstellen.

Doch was Wunder, draußen vor der Tür beim gemütlichen Zigarettenplausch entpuppte sich Mancheiner als ganz normaler Bankangestellter, Gärtner, Verkäufer.

Die Welt, wie wir sie wahrnehmen ist eben grundsätzlich wohl gefügt. Man muss nur den Fokus der Kamera richtig ausrichten und scharf stellen.

 

 

 

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

2 Gedanken zu „Das Zweitleben des Herrn Irgendlink oder: Ich weiß wie du deine Nächte verbringst“

  1. Sorry wegen der Klischees. Hoffe, die Zeitung hat das rausgeschnitten. Aber hier im Blog ist ja alles erlaubt, hehe, und die Leserbriefe werden auch alle gedruckt.
    Aber nochmal: der Abend hat mir gut gefallen, sowohl Musik, als auch die Gäste.
    Was ist BZ?

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