Gravitation des Leids

Vor paar Wochen dachte ich: „Wenn es beginnen soll, so muss es hier beginnen. Hier und jetzt und auf engstem Raum. Es ist wie Evolution. Etwas gibt den Anstoß. Dann schwingt es im Takt und ist nicht mehr aufzuhalten. Du wirst es noch nicht einmal steuern können. Du wirst erschreckt vor der Maschine stehen und wissen, es geschieht, und obschon du Teil dessen bist, wird es dir Freude bereiten.“

Ich lag neben dem Telefon – psychologisch gesehen: zum Glück – und war versucht, 110 zu wählen „hey, holt mich ab, es hat keinen Sinn, ich kann mich nicht bewegen.“ Völlig verwirrt starrte ich auf den Hörer, nahm ihn schließlich nicht ab, ging nicht über Los, rief nicht an. Dann kroch ich auf die IsoMatte, welche ich Tage zuvor zwecks gymnastischer Übungen unweit des Telefons ausgebreitet hatte und schlief ein. Nach sechs Stunden gelang es mir, aufzustehen und mit winzigeren Schritten, als sie ein Greis tun würde die Wohnung zu verlassen. So spazierte ich, stark eingeschränkt erstmals den Teerweg vor dem einsamen Gehöft auf und ab.

Es begann.

Im Nordosten drückten fette graue Wolken den letzten Schnee des Jahres herein. Ein kalter Wind schmeichelte meine Nase. Ich sagte mir: „Du wirst so lange den Weg auf und ab gehen, bis du zu Größerem fähig bist. Dann wirst du das Größere so lange machen, bis du stark genug bist für Nochgrößeres. Am Nochgrößeren übst du, bis du in der Lage bist alles zu tun.“ Ich war wahnsinnig.

In jenen Tagen entwickelte ich das Kreisdenken, fabulierte von winzigen Schritten, die in ihrer Gesamtheit Unvorstellbares bewirken. Nebenbei stärkte ich entscheidende Muskelpartien, um die, genetisch bedingt, nicht vorhandene Bandscheibe zu ersetzen. Das Faszinierende: es scheint zu klappen. Das Unmögliche ist ein Grinsegesicht, das dir spätabends nach ermüdendem Tag erscheint, so als ob die Sonne gerade aufginge.

Mein erster Kreis war ein etwa 500 m langes Wegstück direkt vor meiner Haustür. Es war eigentlich gar kein Kreis, sondern eine Linie, auf der ich stets auf und ab lief, so dass ich an manchen Tagen bis zu zehn Kilometer zurück legte, ohne mich mehr als 300 Meter von meiner Wohnung zu entfernen. Der zweite Kreis war eine Rundstrecke mit Anspruch durch den benachbarten Wald. Der dritte Kreis war größer und prächtiger als der zweite Kreis und er war der erste von meinen Kreisen, der annähernd rund war. So wurde ich stärker von Tag zu Tag.

„Es ist wie Weltraumfahren“, dachte ich mir, „wenn du die Anziehungskraft, die das Leid auf dich ausübt überwinden willst, so musst du ordentlich Schwung aufnehmen.“

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

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