’s ist Wind …

„’s ist Wind, ’s ist Wind, ’s ist Wind, der an den Nerven zerrt.“ Mantrisch summt dieser Spruch im Kopf. Ich weiß nicht, wann ich ihn zum ersten Mal geschrieben habe. Es ist erstaunlich, dass es Worte gibt, die man niemals gesagt hat, nur selten aufgeschrieben, aber oft denkt. Ich glaube, vieles, was man schreibt, sagt man nie, vieles was man denkt schreibt man nie und es gibt noch viel viel mehr, das man nie denkt.

„’s ist Wind, ’s ist Wind, ’s ist Wind, der an den Nerven zerrt.“ Wie ein Gedicht kursiert der Spruch in meinem Kopf. Es kommt dem Erlkönig nahe. Stimmung und Landschaft passen. Dunkel ist’s. Ich habe geschlafen. Von acht bis jetzt. Tag und Nacht stehen auf dem Kopf. Eine Woche Jazz-Festival-Arbeit ist schuld daran. Ein Sturm herrscht über dem einsamen Gehöft. Marode Dachplatten klappern, Regenschauer treiben aus Südwesten. Es ist warm.

Es war der letzte Tag in Island, an dem ich diesen Spruch dachte. Nachmittags hatte ich den 700 Meter hohen Pass zwischen Egilstadir und dem Hafen Seydisfjördur überquert. Ein Schneesturm lag über dem Land, obwohl es gerade mal Ende August war. In meinem Minus 30 Grad Schlafsack bettete ich mich im Windfang eines Anglergeschäfts, direkt gegenüber der Anlegestelle der Fähre Norröna. Dass diese Tour so enden musste! Brachiales Wetter, erschöpfte Mittel, zehn Kilo abgenommen und einen dicken Packen bizarrer Landschafts- und Einsamkeitserlebnisse im Kopf. In der Nacht brauste der Sturm auf. Morgens, als sich die Norröna tutend in den Seydisfjord schob, lag eine dünne Schicht Schnee auf dem Schlafsack.

„’s ist Wind, ’s ist Wind, ’s ist Wind, der an den Nerven zerrt.“ summt es seither in mir. Immer die gleiche Stimmung, Salz in der Luft, Schneeflocken im Haar, ein Gefühl für Feuchte, das Eins mit der Natur, das Ausgeliefertsein im Anblick der Naturkräfte.

Ein Gedicht wohnt jedem von uns inne – wenn wir es nicht aufschreiben oder aussprechen, bleibt es ein Gedächt.

Etwas Lustiges zum Schluss, für Informatiker und Spinner: Der Erlrouter frei nach Goethe.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

Ein Gedanke zu „’s ist Wind …“

  1. jetzt hab‘ ich mal überlegt, wie das bei mir ist, und entweder, ich habe noch nicht auf solche gedächte geachtet, oder bei mir bleiben das bilder, die nicht unbedingt durch worte in was anderes umgesetzt werden. spannend, das; muss ich mal beobachten.

    und der umgedichtete erlkönig ist sehr klasse! ich meine, nicht dass ich mehr als ein zehntel verstanden hätte, aber das reicht auch schon, um mich köstlich zu amüsieren. (und da soll nochmal eins sagen, dass computer-fraks kein interesse an was anderem haben!)

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