Wir brauchen mehr Egal

Letztlich – glaube ich zumindest – spielt sich die Welt im Kopf ab. Alles was uns umgibt und was wir anfassen und fühlen, sehen, hören, riechen, wird durch den mysteriösen Interpreter in unserem Schädel gejagt und dort zu so genannter Realität geformt. Aber des Einen Interpreter funktioniert oft ein bisschen anders, als der des Anderen. Bei Eingabe gleicher Ausgangswerte erhält der Eine also andere Endwerte, als der Andere. Verschiedene Menschen, verschiedene Interpretationen, verschiedene Bilder von der so genannten Realität. Das heißt: unsere Wahrnehmung ist dehnbar und das was wahr ist und uns Halt gibt, ist in Wirklichkeit flexibel und je nach Mensch anders. Deshalb verstehen wir Menschen einander nicht. Das Leben ist wie eine gut gewürzte Suppe, die dem Einen schmeckt, dem Anderen nicht.

Das Einzige Problem dieser gegeneinander verschobenen Realitäten ist, dass jeder für sich glaubt, er habe Recht. Wenn also zwei Menschen genau gegensätzliche Auffassungen von der Wirklichkeit haben, so haben sie vielleicht beide Recht?  Sagen wir mal, wir hätten vergessen, uns darauf zu einigen, dass Rot rot ist. Dann könnte für den Einen Rot gelb sein, weil er das so gelernt hat und für den Anderen könnte es blau sein.

Schwierig wird die Sache, wenn derjenige, für den Rot gelb ist glaubt, er habe recht und Rot müsse immer gelb sein. Dann tritt er in missionarischer Ignoranz einen Feldzug durch die Welt an, Allen zu lehren, Rot sei gelb.

Der Weise mag sagen: Rot ist das, was du daraus machst. Weise sein heißt, den Widerspruch zuzulassen, einen Blick über den Gartenzaun der Logik werfen, schulterzuckend durch die Welt gehen. Sie nicht verstehen. Sie nicht verstehen müssen. Die Dinge so lassen wie sie sind. Weise ruhend in einer gemäßigten Zone. Das klingt sicher ziemlich langweilig. Es heißt Waffen strecken und auf all das verzichten, was das Leben spannend macht. In die Rolle des Beobachters schlüpfen und Gott ähnlich zu werden. Mal die Zügel aus der Hand geben, den Karren fahren lassen im Vertrauen, dass er auch von selber lenkt.

Also brauchen wir mehr Egal an den Stellen, an denen das Egal möglich ist. Das schont die Nerven. Das spart Energie. Und der Mensch ruht in seiner Mitte, wohl wissend, dass die eigene Mitte nicht die Mitte Aller ist und dass selbst der Mittelpunkt aller Mitten nicht der Mittelpunkt von Allem ist. Ich glaube, das ist Toleranz.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

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