Das Schmetterlingsdilemma

Nun stehe ich in meiner Journalistenkarriere vor der größten Herausforderung überhaupt. Ich muss über eine Kindermalaktion berichten. Klang eigentlich ziemlich interessant, als die Redakteurin mir die Veranstaltung schmackhaft gemacht hat. Wo Kinder sind ist immer etwas los. Wo Kinder sind, da kannste was lernen. Das Leben ist bunt und jung und steht in den Anfängen. Alle Türen sind offen. Die Möglichkeiten für die Kleinen sind schier unbegrenzt. Aus jedem Einzelnen könnte ein kleiner Da Vinci, eine Mona Lisa, Steuerberater oder Massenmörder werden. Viel Raum also für Phantasie.

Die Malaktion fand in einer kleinen Galerie unter Anleitung eines regionalen Künstlers statt. Still ging es zu und das Thema, dessen sich die Kinder annahmen lautete „Alles was fliegt“.

Äußerst fatal, wie sich herausstellte: bis auf zwei der 15 Jungkünstlerinnen und -künstler malten sie allesamt Schmetterlinge. Nun schreib‘ mal 100 Zeilen über 15 Kinder, die 13 Schmetterlinge, ein Huhn und einen Weißkopfseeadler malen. Etwa so: 15 Kinder malen 13 Schmetterlinge, ein Huhn und einen Weißkopfseeadler. Was für eine Schlagzeile! Die Schmetterlinge sind bunt. Der kursleitende Künstler versucht, das weißkopfseeadlermalende Kind davon zu überzeugen, dem Vogel einen roten Schnabel zu malen, aber der achjährige verbohrte Strolch wehrt sich mit Händen und Füßen. Das Mädchen vorne links malt einen grünen Hintergrund und einen Baum neben den Schmetterling. Das Mädchen neben dem Mädchen vorne links malt einen etwas helleren grünen Hintergrund, einen größeren Baum und eine Sonnenblume neben seinen Schmetterling. Das Mädchen ganz rechts malt einen blauen Hintergrund, eine Blume und ein Gartenhaus neben den Schmetterling. Die Kinder dazwischen schattieren ihren Hintergrund von Grün nach Blau und erzeugen quer über die Bank einen tollen Verlauf von Grün nach Blau. Der Galerist gibt seine erste und einzige Begegnung mit einem Weißkopfseeadler zum Besten, damals in Kanada, als er eine Gruppe Kultur- und Landschaftsbesessener an den Yukon führte.

Die Kinder sitzen und malen. Die Kinder sitzen und malen. Die Kinder …

So kann ich doch keine 100 Zeilen für die sechstgrößte deutsche Tageszeitung füllen, oder?

Nunja. Habe ja noch bis Morgen 13 Uhr Zeit, mir etwas einfallen zu lassen.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

Ein Gedanke zu „Das Schmetterlingsdilemma“

  1. Ich habe im Kindergarten mal eine Aktion gestartet, wo meine Kinder gemeinsam mit einem Galeristen und einem Künstler ein Gemeinschaftsbild schufen. Die Erwachsenen mussten auch da zuerst lernen, dass nicht alles grün ist, was wir als grün sehen – oder als blau, gelb…

    Es war ausgesprochen lustig! Kann man denn deinen Bericht irgendwo im Netz lesen? Ich bin gespannt was du daraus gemacht hast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.