Rückenschule erste Klasse.

Gestern konferierte man wieder am Lagerfeuer. Das einsame Gehöft kommt mir manchmal vor wie der berüchtigte Bunker in der Bowery. William S. Burroughs Bunker. Man weiß nie, welcher Hungerleider neben einem sitzt, der später vielleicht weltberühmt ist. Mit uns Künstlern ist das seltsam. Wir sind so lange Dreck, bis wir vom Kommerz entdeckt werden.

Nun ist es natürlich illusorisch, hier draußen auf dem Land jemals berühmt zu werden. Man müsste in der Gemeinheit New Yorks leben und mit den schrillen Gestalten zusammen kommen, die sich im richtigen Moment als Konzernchef oder sonstjemand, der etwas zu sagen hat, enttarnen und rufen: „Hey Du, da machen wir was. Ein Buch, ’nen Film, eine Session, ich bring dich groß raus“, pi, pa und po.

Wir grillten Fleisch. Der Katzter strich um die Beine, Wir redeten Schwachsinn: „Schau mal, ein Glühwürmchen.“

„Hier gibt’s keine Glühwürmchen, du gehörst in die Klapse.“

„Nein wirklich, ein Glühwürmchen, sieh doch.“

„Pass auf, sonst bind ich dir die Jacke vorne zu und lass dich abholen.“

In der Tat gab es Glühwürmchen zur Nöche, aber wir redeten so lange von Irrrenhaus und Illusion, bis keiner mehr sich traute, zu sagen „Schau mal ein Glühwürmchen.“

Das ist wie mit dem Großen Wagen. Freund Leb musste von seiner Freundin so lange hören: „Sieh mal, der Große Wagen, ist das nicht romantisch,“ bis er sich von ihr trennte.

Zerredete Romantik ist wie Stille unterbrochen von unpassenden Tönen. Der stille Genuss ist außer Mode gekommen, dafür sorgt alleine schon der fingernagelgroße MP3-Player, den man sich allerorts in die Ohren stopft.

Noch früh. Die Stille unterm regenberieselten Dach in der Künstlerbude ist exorbitant. Heute steht dies und das an. Fließenlegen bei einem Freund, beigefarbene Fließen. Das sollte dem maroden Kreuz – ich nenne es nur noch den Vorfall – nicht schaden. Es tut nicht mehr weh. Die Rückenmuskeln warten darauf, gestärkt zu werden.

Noch so ein Schwachsinn, an dem man sich gestern Abend erfreute:

„Du musst in die Rückenschule,“ sagte jemand.

„Und ihr bringt mich dann am ersten Schultag dahin, nicht wahr?“

„‚türlich! Mit Schultüte“

„Und in der Schultüte ist Helium, wegen des Rückens?“

„‚türlich.“

Wir lachten.

„Im ersten Jahr Rückenschule lernt man wie man richtig etwas hochhebt.“

„Im zweiten Jahr erklären Sie dir die Hebelgesetze und im dritten Jahr kriegst du gezeigt, wie du andere dazu bringst, etwas für dich hochzuheben.“

Wir lachten erneut und die Stimmen mischten sich unauffällig mit dem Rauschen der Pappeln an der Westgrenze des einsamen Gehöfts.

Ein Gewitter lag in der Luft.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

Ein Gedanke zu „Rückenschule erste Klasse.“

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