Totenschädel, 60 cm groß

Spätabends Klopfen, keine Haluzination wie etwa der riesige Totenschädel nur 40 cm von meiner Nasenspitze entfernt direkt neben meinem Bett. Unverkennbar war zwischen Nieselregen-auf-mein-Dach und latetenten Winböen dieses Klopfen zu vernehmen, also sagte ich „Herein.“

Unternehmenssoftwaremanager B. Seit Monaten nicht gesehen. Wir bequemten uns im Wohnzimmer und schwätzten dies und das, die Liebe, das Leben und über seinen Kollegen, Bodo Basso, für den es nur noch richtige Lösungen gibt, „verstehst du, sagte B., Bodo Basso ist nicht wie etwa wir. Wo unsereiner zweifelt und hadert, immer wieder in Erwägung zieht, die Welt könnte doch auch so sein und in all der Grübelei sich die Kräfte aufheben, kennt er nur eine Lösung und die ist richtig.“

Ich mag B. wegen solcher  feiner Geschichten. Hmm, ein Mensch, der nur richtige Lösungen kennt, das ließ ich mir auf der Zunge zergehen, genau wie ein weiteres Thema, das Verpacken. B erzählte von den Arbeitsabläufen in einem weltweiten Konzern, dessen Primärprodukt Pappkartons sind. Pappkartons, die von anderen weltweiten Konzernen benötigt werden, um Produkte zu verpacken.

„Es gibt eigentlich nur einen Arbeitsablauf,“ sagte B., „das Verpacken. Kartons werden zu hundert in größere Kartons verpackt. Für die Software heißt das verpacken. Die Kartons mit den Kartons werden auf Paletten geschnürt, ein Akt des Verpackens, welcher widerum in einer weiteren Verpackungsroutine gipfelt, wenn die Paletten in LKWs gepackt werden, die LKW- Ladungen in Containern gefasst und die Container zusammen mit anderen Containern auf Schiffe geladen werden.“ Alle Schritte heißen Verpacken.“

Die Software hält für jedes Verpacken eine ID bereit. Vom einzelnen Karton bis zum Containerschiff durchläuft das Produkt zahlreiche Babuschka-Hürden, ja, genau wie die russichen Puppen. Selbst wenn dem Außenstehenden das Stapeln von Paletten ein anderer Akt zu sein scheint, als das Einlegen von Kartons in Kartons, so kennt die Software doch nur einen einzigen Arbeitstyp.

Wir haben Bier getrunken. Hat ganz schön reingehauen, das Zeug, und als ich so gegen drei Uhr ins Bett kam, drehte sich alles. Der Totenschädel direkt neben dem Bett entpuppte sich als geschickt zusammengelegte Wolldecke – mein Gott, wie krank muss man denn sein, eine Wolldecke derart zu falten? Und: ich hab das nicht getan. Ganz bestimmt nicht.

Und das Babuschkaprinzip. Ich schlief ruhig aber leider viel zu kurz.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

4 Gedanken zu „Totenschädel, 60 cm groß“

  1. Ich glaube ich weiß, welches Buch Du meinst.
    Ich komm mal vobei, wenn ich wieder da oben in der Gegend bin.
    Das war schon eine gute Entscheidung, man muss nicht mehr auf leidige oder weniger leidige Mitleser achten und kann sich sein Publikum aussuchen. Und wer kann das schon (c:
    Übrigens wurde mir mal wieder nahegelegt, die Gefriertruhe aufzuräumen.

    Viele Grüße,

  2. Die Kunst des Wolldeckefaltens könnte ein Trend werden.

    Da Bodo Basso schon einen Totenkopf falten kann, können wir von Dir als Standup Künstler schon etwas mehr erwarten.

    Ich denke für den Anfang wäre die stehende Giraffe eine leichte Herausforderung für Dich.

    Also sie sollte wenigstens solange stehen bis Du sie fotografiert hast.

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