Ich bin der, der sie tut

Die Brille ist dreckig. Ich nehme sie besser ab. Wenn ich sie morgen suche, brauche ich nur diesen Blogeintrag zu lesen: Mann, die Brille liegt auf dem Schreibtisch, direkt neben dir. Neben Zetteln und Stiften und Plastiktüten.

Übrigens: du solltest die Brille putzen, bevor du sie aufsetzst!

Ein bisschen Chaos. Die Bude riecht nach Tomaten. Ich habe die Ernte getrocknet und mit Kräutern in Öl eingelegt.

Mjam mjam.

Überall liegt Kunst.

Und Kassenzettel.

Brot liegt auch herum.

Die Bude ist warm.

Der Holzofen schnurgelt.

Seit gestern kreischen Vögel über dem Gehöft, ziehen nach Süden. Pfeile aus hunderten von Tieren stehen am Himmel. Sie keuchen gegen den Wind. Das ist mystisch.

Die Sonnenuntergänge sind unbezahlbar, knallrote Etwase hinter kahl gefegten Pappeln.

Diese Zeit ist gut. Mein Leben geht Hand in Hand mit der allgemeinen Konjunktur. In den letzten Wochen haben sich unglaubliche Dinge ereignet – nicht zuletzt, dass die Wespe mich angerufen hat und mir einen zwar unbequemen aber doch nicht auszuschlagenden Vorschlag unterbreitet hat. Die Wespe ist ein stolzer Mensch, der nicht zuhören kann. Selbstverliebt wie alle Künstler (außer mir).

Heute mit Journalist F. auf einen Sprung nach Mainz, um die Kunstwerke anzuliefern, die in der Ingelheim-Ausstellung gezeigt werden. Journalist F. kredenzte Fotos, ich serielle Arbeiten aus 2005. Die neuen Sachen hängen ja noch in der Galerie Beck.

Dort gibts übrigens Morgen einen Sondertermin: Spaziergang mit dem Künstler im original Bliestallabyrinth. Der Künstler bin ja ich. Muss ich also die Wanderschuhe anziehen und mit kunstbeflissenen Menschen ein bisschen plaudern und wandern. Die Oberbürgermeister der beiden miteinander konkurrierenden Städte, durch die das Labyrinth führt, haben erwartungsgemäß abgesagt (die Absagen sind ein Indikator, dass man wahrgenommen wird; nicht immer habe ich Absagen erhalten).

Eine zwanglose Sache also. „Hundebesitzer,“ sagte Journalist F., „du wirst mit allen Hundebesitzern der Region spazieren gehen. Die stehn auf Spaziergänge. Die werden das Nützliche mit dem Kunstgenuss verbinden.“

Die Laudatorin J. ist allerdings die Einzige, die fest zugesagt hat. Und die hat keinen Hund. Eigentlich wäre es traumhaft, alleine mit der Laudatorin loszulaufen. Dann könnte man schamlos das GPS auspacken und ungehemmt auf Geocache-Tour gehen. Aber ich fürchte, es werden noch einige Spaßbremsen auftauchen, die nur die ach so hohe Kunst im Sinn haben.

Und wie geht das nun zusammen: ich müsste doch derjenige sein, der die Kunst ernst nimmt?

Stimmt nicht!

Ich bin der, der sie tut.

Sollen sich die Anderen den Kopf darüber zerbrechen.

Genug geredet. Ich sollte diesen Beitrag beenden.

Hmmm?

Mit einem Semikolon, ja mit einem Semikolon.

Das scheint mir an dieser Stelle angebracht;

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

Ein Gedanke zu „Ich bin der, der sie tut“

  1. sich selbst ernst nehmen ist gut. kunst tun auch.

    so, dann warst du also gestern in mainz und bist heute im labyinth. schade, war gestern in der küche, gespült und hauptmanns ratten gehört, dafür deinen anruf nicht. na, ich versuch’s heutabend mal.

    hoffentlich habt ihr besseres spazierwetter als hier in b.

    lg
    die f.

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