’s Pund ä Schdund

Ich muss etwas weiter ausholen. Ungefähr bis zu jenem Tag im Frühjahr, als eine meiner drei Lieblingstanten, G. aus der Pirmasenser Geldlinie, auf dem einsamen Gehöft auftauchte, um Johannisbeeren zu ernten. Damit wollte sie Marmelade kochen. Gebückt stand sie über den Sträuchern. Mein Vater beobachtete sie bei der Arbeit. Als sie fertig war, präsentierte sie stolz den Eimer. „Wir wiegen sie,“ sagte mein Vater. G. antwortete: „Ist nicht nötig, pro Pund ä Schtund (hochdeutsch: pro Pfund eine Stunde).“ Das sei eine Faustregel. Sie schaute auf die Uhr: „Zwei Pfund.“

Seit dem hat mein Vater diese gute Regel geradezu perpetuiert und wendet sie auf alle möglichen Situationen des Lebens an. Neulich hielt er ein Stück Butter in den Händen und skandierte wahllos, nicht ohne Schmunzeln, „’s Pund ä Schtund.“ Auch beim Holzhacken, weiß er geschickt diese Regel anzuwenden, und als neulich im Fernsehen ein Bericht über Fort Knox gezeigt wurde – all das Gold – sagte er: „’s Pund ä Schtund.“

Nun begab es sich, dass wir heute Nachmittag in der Galerie Beck diskutierten, wie denn die Bildtafeln des Bliestallabyrinths zu hängen seien und der Galerist von Nägeln schwärmte, die man in die Wand treiben könnte, ich ihn darauf aufmerksam machte, dass es keine Aquarelle sind, die man da aufhängt, sondern gediegene Hartholzträger und die werden schon einiges wiegen. „Wieviel?“ fragte er. „10 Kilo,“ sagte ich, „es könnten aber auch 20 sein.“

„Wir nehmen Schrauben,“ sagte er.

Wieder zu Hause, wollte ich es genau wissen, stellte ein Bild auf die Personenwaage. Sie zeigte elf Kilo. Die multiplizierte ich mit der Anzahl der Bilder, kam auf 110 Kilo und addierte noch eine Toleranz. Das ganze Mal zwei istgleich  240 Pfund. Dies trifft auch in ungefähr die Arbeitsstunden, die im Bliestallabyrinth stecken.

Meine dritte Lieblingstante ist eine weise Frau, eine sehr weise.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

2 Gedanken zu „’s Pund ä Schdund“

  1. Eine sehr weise Frau deine Tante. Zum Glück hast du es übersetzt, sonst hätte ich es nicht verstanden.

    …aber mal was anderes. Ist das die Galerie Beck in Schw.? Wenn ich mich richtig erinnere hatte ich deren Sohn im Kindergarten in meiner Gruppe. Er müsste jetzt etwa… 12 oder 13 sein (meine Güte, bin ich alt geworden). Erschreckend wie die Zeit vergeht.
    Wann hängt das Labyrinth denn aus?

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