Die Relativität der Angst

Heute Holztag. Zusammen mit meinem Vater auf dem uralten Porsche-Traktor hinunter in den Wald gefahren. Der Waldweg ist sehr schmal. An manchen Stellen bröckelt er metertief in die Schlucht. Ich halte es stets für ein Wagnis, den Traktor dort hinunter zu steuern; vollbeladen mit Holz wieder hinauf ist noch kritischer. Meinen Vater kümmert das nicht im Geringsten. Er beherrscht das Gerät im Schlaf. So kann er den Traktor, wenn er sich an einer besonders steilen Stelle aufstellt und die Vorderräder in der Luft hängen, trotzdem noch lenken, indem er die einzeln zu betätigenden Bremsen der Hinterräder benutzt (willst du z. B. nach rechts, dann bremse nur rechts).

Es gibt eine Wurzel mitten auf dem Weg, die ich als die kritischste aller Stellen betrachte. Man muss mit dem Hinterrad press an der Wurzel vorbei navigieren (die Vorderräder spielen an dieser Stelle keine Rolle, weil sie sowieso in der Luft hängen). Links droht die Schlucht. Ein Fahrfehler und man ist tot.

Ich habe mir oft Gedanken gemacht, warum mein Vater diesen Engpass so ohne Weiteres hinnimmt. Heute habe ich eine Schaufel und eine Spitzhacke mitgenommen, die Wurzel frei gegraben und mit einer Bürste Sand vom Stamm gekratzt, damit man mit der Kettensäge hindurchfahren kann. Mein Vater konnte nicht verstehen, warum ich das tue. Ich sagte, ich habe Angst! Man könnte sterben hier.

Mir zu Liebe zerteilte er die Wurzel, so dass der Weg nun frei ist und man ohne Gefahr passieren kann.

Später wurde mir die Relativität der Angst bewusst. Im Einen wohnt die Angst, im Anderen nicht. Das ist von Situation zu Situation verschieden. Für meinen Vater war es ganz natürlich, an der Wurzel vorbei zu navigieren. Ich hingegen sah nur den Abgrund. Genauso ist es in vielen verschiedenen Menschenleben und in den unterschiedlichsten Situationen. Wo es dem Einen die Haare zu Berge stehen lässt, zuckt der Andere nur mit der Schulter. Ich kann mir vorstellen, dass mein Vater bezüglich meines waghalsigen Künstlerlebenswandels ähnliche Gefühle hegt, wie ich bezüglich seiner Traktor-Eskapaden.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

4 Gedanken zu „Die Relativität der Angst“

  1. danke für die Geschichte … ich muss dabei an meine Freundin denken. Sie hat als Kind mitansehen müssen, wie Ihr Onkel und Bruder mit dem Traktor in eine Schlucht gestürzt sind. Sie konnte sie natürlich nicht aufhalten und ist von diesem Erlebnis und den unbegründeten Schuldgefühlen ihr ganzes Leben gezeichnet …
    aber ich verstehe die Aussage Deiner Geschichten, dass Angst für jeden Menschen relativ ist
    LG von Eva :)

  2. oha!
    derzeit mache ich einen bogen um auch die kleinsten abgründe oder stufen. frei flottierende angst, die aber nicht immer so zum greifen ist.
    im radio hörte ich heute früh von einem alten mann, der mit dem traktor verunglückt ist, war aber in der eifel. auch hier in den wingerten kommt sowas vor.
    meine alten eltern sind mir um seelenarbeitssprünge voraus….
    gruß und glückwunsch zu so einem VATER, eine million mal besser als der mit seinem doofen papamobil….
    Lu

  3. bin hier zum ersten mal angelangt. Ich finde im wahrsten worte,-alle beiträge….einfach super, toll, oder wie sagt man noch im neudeutsch?—.bin jetzt ganz bestimmt öfters hier.

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