Die Linien, die ich zog …

Guten Morgen. Samstags kommen die Geocaching Reports reingeflattert. Eine E-Mail, in der die neu vertsteckten Erdverstecke der letzten Woche veröffentlicht sind im Umkreis von 100 Meilen des eigenen Standorts. Das ist praktisch. Falls man das Wochenende noch nichts vor hat, druckt man sich die nächsten Clues aus und marschiert, bewaffnet mit GPS, hinaus in die Wälder.

Ein Hoch auf die Datenbanken! Als Geocacher ist man ein geokoordinierter Punkt, metergenau in einer gigantischen amerikanischen Datenbank. Man wohnt Tür an Tür mit den Mitspielern in einer extra angelegten Tabelle, in der die Parameter der Web-Existenz gespeichert sind: Nickname, Anzahl der gefundenen Erdverstecke, gepostete Bilder, Datum wann wer wo war und in welchem Umkreis er sich bewegt hat. Es ist berauschend. Nach dem Rausch kommt gemeinhin die Ernüchterung, welche sich in Unbehagen ob der Transparenz der eigenen Existenz niederschlägt.

Winzig wie mathematische Punkte ziehen wir unsere Linien auf dem Globus. Hinterlassen, von einer theoretischen göttlichen Existenz beäugt Spuren.

In den hintersten Winkeln der gestrigen Party unterhielten sich Informatiker über die grundlegende Funktionsweise relationaler Datenbanken. Ein Blitzgewitter ging über die Schar der Feiernden nieder, nicht alleine verursacht durch Journalist F.s nigel nagel neue Kamera. Diverse andere Investigatoren hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das Event in Milliarden von Pixeln zu dokumentieren.

„Die Parties der Achtziger Jahre,“ raunte ich dem Journalisten zu, „muten dagegen an wie ein grobes Beisammensein in einer dunklen Höhle.

„Wir hörten Rockmusik von echten Rockgruppen auf pechschwarzem Vinyl,“ sagte der Journalist.

Ich trank mein Bier aus, wir verabschiedeten uns.

Draußen auf der Straße unter dem Vollmond mutmaßte ich: „Das ist keine Party, sondern eine Datenbank mit vielen exzessiven Tabellen, die auf verschiedene Arten miteinander verknüpft sind. Die Bierkisten, welche auf dem Balkon lagern, sind eine Tabelle. In den Spalten sind die verschiedenen Sorten aufgelistet, die Zeilen enthalten nur wenige Parameter wie etwa Alkoholgehalt, Anzahl der Flaschen. Nun kommts: die Partygäste sind in einer anderen Tabelle gespeichert und mit der Biertabelle verknüpft. So kann jedem Gast eindeutig eine Biersorte, sowie Menge etc. zugeordnet werden.“

Der Journalist schwieg. Wir standen unterm Vollmond. Dunst waberte die Realschulstraße hinauf. Die Stadt war friedlich wie Spalten und Zeilen.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

2 Gedanken zu „Die Linien, die ich zog …“

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