Straße nach Gibraltar 017 – Tempel der 1000 Buddhas

Karfreitag, 21. April 2000
Ich verirrte mich in Autun, fand mich mitten im morgendlichen Gewimmel vor einer Römerruine wieder. Überall in der Stadt findet man die Überreste dieser uralten Kultur. Kleinlaster quälten sich hupend im Stau, belieferten Läden. Alle Geschäfte waren geöffnet. Das wunderte mich. Aber in Frankreich findet man fast immer einen offenen Laden. Vermutlich würde die Hektik bis Mittag anhalten. Dann würden die Menschen sich in das Osterwochenende begeben. Ich kaufte Lebensmittel für insgesamt drei Tage. Wasser, welches das schwerste Transportgut des Radreisenden ist, pflegte ich mir bei Bedarf in Privathäusern und an Tankstellen zu erbetteln. Auch in sauberen Rinnsälern oder den Wasserhähnen auf Friedhöfen konnte man Wasser finden. Die N81 war die Hölle. Ich folgte ihr lange 27 km bis Entang sur Arroux. Dann über die D 927, erträglich und gemächlich, das Tal verlassend bis zu einem mit Beauvoir gekennzeichneten Aussichtspunkt. Die Umgebung war pittoresk. Die Sonne schien. Sie brannte regelrecht. Stahlblauer Himmel, schneeweiße Schönwetterwolken. Da ich keine Sonnenmilch dabei hatte, zog ich trotz Hitze, nach wenigen Minuten meine Jacke wieder an, streifte die Ärnel herunter. Der Schutz meiner Nase war unmöglich. Müde kurbelte ich durch St. Didier, wo ein Schild auf einen Temple des Mille Bouddhas hinwies, den Tempel der tausend Buddhas. Bizarr. Ich stellte mir eine riesige Pagode mitten in den saftigen zentralfranzösischen Wiesen vor, aus der man mantrische Formeln murmeln hörte und kahlköpfige Kerle, die die Weisheit des Universums in sich trugen, lächelten mild im Garten. Dort musste ich hin. Ich durchquerte Rapsfelder und Weiden, die mit Stacheldraht und Hecken umgeben waren. Für ein paar hundert Meter steuerte ich das Fahrrad auf die linke Straßenseite: „Jaaa, so ist es! Das ist Irland, und dort vorne hinter der Kurve ist der nächste Pub. Ich werde mein Fahrrad an die Wand lehnen und hineingehen. In der Ecke wird ein Fernseher laufen und eine Hurling-Veranstaltung übertragen. In der Mitte ein Billardtisch, drei Zapfhähne, einer mit Guinnes, einer mit Kilkenny, einer mit Harp. Am Tresen drei vier Typen, die einen sofort in ein Gespräch über das Wetter verstricken.“ Das Geheimnis an den irischen Wettersmalltalks ist, sie werden nie langweilig, da sich das Wetter von Minute zu Minute ändert.
Als ich aus meinem Traum erwachte, war die Straße immer noch gähnend leer. Ich hatte ein gutes Händchen, diese Seitenroute zu wählen, nach dem Debakel zuvor mit der Nationalstraße. Es gibt kaum etwas Traumhafteres, als eine leere, gut geteerte Straße bei schönem Wetter und Windstille in einer schönen Landschaft. Das ist der Stoff, der die Träume produziert.
In verschwommener, glückseliger Stimmung stand plötzlich das Kloster der Tausend Buddhas vor mir. Ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Über einen feinen Kiesweg gelangt man in einen Garten und von dort in den halb offenen Hof, welcher von fernöstlichen Gebäuden umrandet wird. Erschöpft und hungrig setzte ich mich auf eine Bank im Garten. Schaute nach Süden. Die Sonne hatte eine unheimliche Kraft. Eine feine Brise verhinderte, dass ich spürte, wie meine Nase verbrennt. Rechts von mir war die Tempelanlage. Links eine Baustelle, in der entweder ein Garten angelegt werden sollte, oder womöglich ein neuer, noch größerer Tempel. Einige Gräben ließen vermuten, dass es sich um den Aushub von Fundamenten handelte. Ein Kind spielte mit einem ferngesteuerten Auto. Das Jaulen des Elektromotors verpuffte in der Stille. Mal saußte das Auto zu mir herüber, um in einer rasanten Wende gerade noch die Kurve zu kratzen, mit voller Geschwindigkeit gegen einen Erdhaufen zu rennen, sich zu überschlagen und wieder auf die Räder zu kommen. Ich belegte ein Stück frisches Baguette aus einer Autuner Boulangerie mit Käse, den ich am Stadtrand in einem großen Supermarkt gekauft hatte. Der Wind frischte auf und der Schweiß auf meiner Haut kühlte immens. Ich stand auf, das Brot in der Hand und spazierte zum Tempel. Die Tür stand offen. Zwei Mönche liefen, wie Störche im Kreis. Ich erinnerte mich meiner ersten, schmerzhaften Erfahrung zenistischer Meditation. Die beiden befanden sich offnesichtlich in der Pause zwischen zwei meditativen Sitzungen. Sie lockerten die Knochen, der, im Lotussitz, verschränkten Schenkel. Keine Ahnung, wie lange sie zuvor gekniet haben mochten und an eine Wand gestarrt und dabei an nichts, absolut gar nichts gedacht haben. Ich habe diese Tortur nur ein paar Mal für etwa 10 bis 20 Minuten durchgemacht. Gemeinsam mit dem Mainzer Maler S., meinem Meister. Wir saßen in seiner Wohnung und knieten auf Kissen. Vor uns die Wand. Die Hände nicht wie im christlichen Gebet gefaltet, aber verschränkt. Wir atmeten tief ein und tief aus tief ein und tief aus …. Schweigen. Man könne, wenn man diese Art der Meditation beherrscht, durchaus die Wand durchdringen, allein Kraft seines Geistes und sehen, was auf der Straße passiert. Ich sah eine Wand, zehn Minuten lang. Meine Beine, schmerzten. Krampfadern machten mir zu schaffen. Der Maler sagte, „das ist nicht schlimm, du wirst lernen, den Schmerz zu besiegen.“ Nach etwa fünf Minuten waren die Beine eingeschlafen und ich spürte keinen Schmerz mehr. Nach ewiger Zeit war mir, als hätte ich eine Frau mit einem Kinderwagen, durch die Wand hindurch auf dem Gehweg gesehen. Ich verscheuchte den Gedanken, denn man soll nicht denken, um zu verstehen. Außerdem befanden wir uns im dritten Stock.
Die meditative Pause, in der sich nun auch meine beiden Mönche, hier im Kloster der tausend Buddhas befanden, war eine echte Wohltat. Nach und nach kommt auf diesem Rundgang das Gefühl in die tauben Beine zurück. Die Beiden sahen so aus, als meditierten sie schon seit Jahren und nichts, absolut nichts könne ihnen Schmerzen bereiten oder die Schenkel  lähmen. Ich stand in der Tür und schmatzte mein Brot. Sie schienen mich nicht zu bemerken, machten in keiner Weise Anstalten, die Köpfe zu drehen, versunken liefen sie im Kreis. Die Vermutung, sie sind nun eins mit dem Universum, berauschte mich, wie der gesamte Ort eine erlösende Wirkung auf mich hatte. Hier her zu kommen und zu bleiben, ein Mitglied dieser weisen Gemeinde zu werden, muss das nicht sein, wie nach Jahren des Kampfes, des Schmutzes, der zehrenden Auseinandersetzung endlich in Sicherheit zu sein? Als Reisender ist man, rein körperlich gesehen, in einer gerade konträren Verfassung als als Meditierender. Die Außenwelt prasselt mit ungeheurer Wucht auf einen ein und man erlebt hinter jeder Häuserecke und hinter jeder Kurve etwas Neues. Flüchtige Begegnungen, mit wem auch immer, sind wie der Knall eines implodierenden Sternenhaufens. In kürzester Zeit schleusen sich die Geschichten derjenigen, denen du begegnest durch dein Bewusstsein.
Insgeheim fasste ich den Tempel der tausend Buddhas zu einer solchen implosionsartigen Begegnung zusammen. Die optischen, akustischen und olfaktorischen Eindrücke kreierten mir ein Bild, das gewiss nicht ganz richtig ist. Aber es hat Bestand.
Es roch nach Vanille und ich folgte dem Duft um den Bettempel herum durch eine von Säulen getragene Passage in den Hinterteil des Gartens. Von winzigen, vielleicht in diesem Frühling angelegten Thujahecken wurde ich durch eine Art Irrgarten geleitet bis zu einem 25 Meter breiten, kreisrunden Zentrum. Dort befanden sich zwei Sitzgelegenheiten aus dunklem Holz, hinter denen jeweils eine parabolisch gekrümmte Kuppel platziert war. Eine Flüsterecke inmitten des Labyrinths. Liebende könnten den Weg hierhersuchen und sich einander gegenüber setzen und, aller Entfernung zum Trotz, flüsternd über die Köpfe der Passanten hinweg miteinander sprechen. Ich lief zum südlichen Flüsterplatz und setzte mich in den Schatten des Parabolspiegels. Die eiskalte Sitzfläche bereitete mir Schmerzen, aber deutlich konnte ich den gegenüberliegenden Flüsterplatz im grellen Sonnenlich sehen.
Er war leer.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

Ein Gedanke zu „Straße nach Gibraltar 017 – Tempel der 1000 Buddhas“

  1. Naja..heute wäre er nicht mehr leer :).
    Und ja dass stimmt.Ich sitze kaum noch anders und habe keine Schmerzen mehr dabei.
    Gut..dafür habe ich auch kein Gefühl mehr am rechten Fussknochen*lach*…aber eine WUNDERbare Rückenhaltung.

    Nela*

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