Straße nach Gibraltar 015

Freitag, 21. April 2000, Camping Municipale, Autun
anfang (Bild, Link entfernt 2016-11-26)

Und also schrieb ich in mein Tagebuch

Neun Uhr früh. Zum ersten Mal nehme ich die Glocken wahr. Sie schlagen laut. Keine Ahnung, wie man sie überhören kann. Vielleicht sind sie nachts abgeschaltet. Im dicken Feierabendverkehr gestern Abend über die N 81 die Stadt erreicht. Für eine Nationalstraße ziemlich ruhig. Die Nacht war warm. Von Westen hatte es sich bewölkt. Nun ein trüber Morgen. Der Himmel ist vollends grau. Hatte ich gestern gehofft, das Wetter würde dauerhaft gut werden, belehren mich nun drei dicke Tropfen aufs Zeltdach eines Besseren. Der Campingplatz erwacht. Der hohle Klang von, sich bewegenden Menschen in ihren fahrbaren Alukisten. Wohnwägen sind eine seltsame Erfindung. Die Ausgeburt der kleinen Träume von Menschen wie du und ich. Sie geben Geborgenheit. Das Gefühl von Heimat in der Fremde. Kunststoffgeschirr klappert. Standheizungen brummen. Das Verwaltungsgebäude hat ein Reetdach. Sehr schick. Die Plätze sind mit 2,5 Meter hohen, dichten Hecken umgeben. In der Nähe des Campingplatzes ragen zwei uralte Römerruinen in die Höhe. Triumphbögen oder Stadttore. In der Nacht waren sie von gelben Flutlichtern angestrahlt.

Es ist beklemmend, schlafwarm, aus dem Zelt zu kriechen in den kühlen Morgen. Ich bin lustlos. Ein Blick auf die Karte lässt eine wenig erbauliche Tagesetappe erahnen. Aus Autun hinaus führen fast nur Nationalstraßen. Ich werde dem Flüsschen Arroux Richtung Südwesten folgen. Nagelneue Landkarte vor mir. Sie ist im Gegensatz zu meiner alten Karte, die ich schon seit Jahren besitze, anders. Die Städte sind größer. die Straßen sind roter. Rote Straßen sind stark befahren. So kam es, dass ich aus der alten Karte heraus auf einer gelben Departementsstraße geradelt bin, um mich in der neuen Karte auf einer roten Nationalstraße wiederzufinden. Die Zeiten ändern sich.

Karten: ein Blick in die Zukunft, mit vielen Wegen, von denen du einen auswählen darfst. Aber auch ein Blick in die Vergangenheit, mit der eingezeichneten Reiseroute.

Autor: Irgendlink

Konzeptueller Reisekünstler, Artist in Motion, Appspressionist. Irgendlink nutzt mobile Technik in Vereinigung mit Servertechniken, um literarische, fotografische Kunstwerke zu kreieren.

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